"Es sieht nicht finster aus"

29. Dezember 2005, 21:00
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Suche nach der modernen Familienkrise: Gorkis Drama "Kleinbürger", inszeniert von Karin Beier am Akademietheater

In Gorkis ursprünglich politisch motiviertem Drama "Kleinbürger" sucht Regisseurin Karin Beier, künftig Intendantin in Köln, ab Freitag, 30.12., am Akademietheater die moderne Familienkrise.


Wien – Maxim Gorkis "Kleinbürger" und deren "Szenen im Hause Bessemjonows" fügen sich trotz ungewöhnlichen Premierentermins am Freitag um 19 Uhr gut in die festtagsbedingt familiär hochdosierte Zeit. In der 1901 entstandenen "dramatischen Skizze" treffen Generationen zusammen, die sich mit Ausdauer missverstehen und verletzen, und deren aneinander gehegte Ansprüche die Bande mehr und mehr zerreißen lassen.

"Es ist ein schmerzhaftes Stück, aber mit Momenten der Groteske", so Regisseurin Karin Beier, die in der Herrengarderobe des Akademietheaters über ihr Tun Auskunft gibt. An Männerräume wird sich die Vierzigjährige in Zukunft gewöhnen müssen, zumal sie soeben – DER STANDARD berichtete – zur Intendantin des Kölner Schauspielhauses gekürt wurde, und damit im Herbst 2007 einen immer noch männlich dominierten Posten beziehen wird.

Dazu, zur Vorherrschaft der Männer, hegt sie ein zur Gänze gelassenes Verhältnis: "Das hat halt mit Autorität zu tun. Die inszenierenden Despoten der letzten zwanzig Jahre, die gibt's aber nicht mehr. Das würde sich kein Schauspieler mehr gefallen lassen. Klar, das Theater bleibt ein hierarchischer Betrieb, doch er läuft über den Dialog."

Im vergangenen Herbst hat Beier, die schon in äußerst jungen Jahren durch Shakespeare-Inszenierungen hervortrat, mit dem Franzobel-Stück "Wir wollen den Messias jetzt oder Die beschleunigte Familie" eine der herausragendsten Arbeiten der laufenden Saison am Akademietheater deponiert. Auch jetzt bei Gorki geht es um einen Heilsverkünder (des Sozialismus) – in Gestalt eines jungen Lokomotivführers, übrigens den ersten proletarischen Helden am Theater, der als Pflegesohn nämlicher Familie neues Gedankengut in die ökonomisch wild aneinander geschraubte Sippe trägt.

Bei Beier ist dieser Mann freilich kein Lokomotivführer mehr: "Die euphorische Beschreibung seiner Arbeit war mir zu sehr historisch gefangen. Arbeiterromantik gibt's heute einfach nicht mehr. Wenn ich an Arbeit denke, dann auch an Hartz IV!"

Die gebürtige Kölnerin ihrerseits ist mit Arbeit gesegnet. Kaum läuft in Wien der Gorki auf Schiene, wird sie in Zürich einen Simon Stephens anpacken, bevor es im Mai mit Mozarts "Entführung aus dem Serail" wieder retour nach Wien ans Burgtheater geht (in Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper im Rahmen des Mozart-Jahres). Beier ist Vielarbeiterin und das querbeet: von Lessing über Labiche zu LaBute. "Es gibt sehr wenige Textarten, die ich nicht mag. Momentan bin ich aber ästhetisch wieder am Suchen, da hat der "Messias" eine ganz wichtige Rolle gespielt, nicht die Trashelemente, sondern generell die offene Form."

Ein, zwei Sorgen

Auch als künftige Theaterleiterin wird Beier inszenieren; mindestens zwei Regiearbeiten pro Jahr muss sie ihrem Haus in Köln vertraglich beisteuern. Und: "Wenn ich Intendantin bin, dann habe ich bestimmt ein, zwei andere Sorgen, doch ich möchte in Bachlers letzter Saison hier sehr gerne noch etwas machen. Ich kenne fast jeden im Ensemble und ich fühle mich dem Haus sehr verbunden."

Dass sie von qualitativ hoch stehenden und vergleichsweise gut dotierten Theaterstätten in Hamburg, München und Wien nun in eine finanziell ausgezehrte Zone wechselt, gibt ihr zu denken. Vom Ziel, Köln zu einer guten Adresse machen zu wollen, weicht sie aber nicht ab. "Da würde ich lieber am Bodentuch inszenieren, anstelle an den Leuten zu sparen!" Und außerdem ist zum Budgetthema noch nicht das letzte Wort gefallen. "Es sieht", meint Beier, "derzeit gar nicht so finster aus." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2005)

Von
Margarete Affenzeller
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    Christane von Poelnitz als Tatjana, Christian Nickel als Nil und Myriam Schroeder

  • Karin Beier
    foto: akademietheater/ reinhard werner

    Karin Beier

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