Kuratorin Probst gegen Skandalisierung und Entfernung der Motive

30. Dezember 2005, 11:58
4 Postings

Signal von Neokonservatismus und Rückschritt in der Freiheit der Kunst

Wien - Als "Skandalisierung" kritisiert Ursula Maria Probst, gemeinsam mit Walter Seidl Kuratorin der EU-Plakataktion der "25 Peaces", die gegen drei der Sujets geäußerten Vorwürfe von Pornografie und Sexismus. "Wenn man sich einschlägige Medien anschaut, weiß man, dass Pornografie anders ausschaut", so Probst, die näher auf den Hintergrund der Arbeiten einging.

Thema aller 150 Arbeiten sei die Auseinandersetzung mit politischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen in der EU, so Probst. Ihre Schöpfer seien durchwegs wichtige Künstler, so auch der Spanier Carlos Aires, der sich in seiner Arbeit intensiv mit Minderheiten beschäftige. Seine ironisch "Love is in the Air" betitelten zwei Plakatmotive, die drei nackte Darsteller mit Masken von George Bush, Jaqcues Chirac und Queen Elizabeth II. in sexuell konnotierten Posen zeigen, seien auch vor dem Hintergrund der kürzlich in Spanien legalisierten Ehe von Homosexuellen zu sehen.

Zusammenhänge von Macht und Sexualität

Die Arbeit thematisiere weiters kritisch die Zusammenhänge von Macht und Sexualität, das globale Sex-Geschäft, Prostitution und Frauenhandel. "Die EU wird aufgefordert, sich mit der ökonomischen Situation von Migrantinnen auseinander zu setzen", so Probst. Die Posen der Darsteller seien allerdings keineswegs "eindeutig". "Wenn sie nicht nackt wären, könnte es sich auch um eine choreografierte Musical-Szene handeln." Weder seien Genitalien zu sehen, noch seien die Masken eindeutig identifizierbar. "Dass eine Frau eine Männermaske trägt, zeigt einen gewissen Identitätstransfer. Es ist ein Spiel mit Assoziationen."

Die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Tanja Ostojic, die unter anderem 2001 auf der Biennale von Venedig vertreten war, ist laut Probst eine der wichtigsten feministischen Künstlerinnen und setzt sich in ihrer Arbeit auch immer wieder mit der EU auseinander. So habe sie etwa Ende der 90er Jahre als Kunstaktion die Heiratsannonce "Looking for a Husband with EU-Passport" aufgegeben und dann tatsächlich auch einen deutschen Künstler geheiratet.

EU als neuer Lebensraum

Ostojics Plakatmotiv mit gespreizten Frauenbeinen und einem blauen Slip mit EU-Sternen sei eine Anspielung auf Gustave Courbets Bild "Der Ursprung der Welt" von 1866, das eine unbekleidete Scham zeigt. Es beziehe sich auf den Entwurf der EU als neuen Lebensraum und auf die Erwartungshaltungen und Wünsche, die von den neuen Beitrittsländern darauf projiziert werden. "Es ist eigentlich ein positives Signal", so Probst, die betont, dass man ganz bewusst auch Künstler aufgenommen habe, die außerhalb der EU geboren wurden, aber im EU-Raum leben.

Mit der Aufregung, die die Arbeiten der beiden Künstler ausgelöst haben, hat Probst "definitiv nicht gerechnet. Auf den Billboards, die sonst für Werbung genutzt werden, ist ja auch ständig nackte Haut zu sehen." Ursprünglich war geplant, alle 150 "EuroPart"-Motive fünf Wochen hindurch zu zeigen und nur die Anzahl der Billboards nach einer Woche zu halbieren. "Wenn nun tatsächlich umstrittene Sujets entfernt werden, ist das ein großer Rückschritt in der Freiheit der Kunst und ein starkes Signal für einen Neokonservativismus", so Probst, "Es würde zeigen, dass sich die Politik der Skandalisierung der Medien beugt." (APA)

Share if you care.