Klima-Negativrekordjahr beunruhigt Meteorologen

29. Dezember 2005, 19:44
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Experten rechnen mit wachsender Unwettergefahr in den kommenden Jahren - 2006 könnte schlimme Hurrikansaison werden

Frankfurt/Main/Bochum - Für Klimaforscher war 2005 ein Jahr der Rekorde - im negativen Sinn. Weltweit sorgten vor allem die zahlreichen und heftigen Hurrikane, aber auch Dürre und Überschwemmungen für Unbill. Schon wird vom heißesten, stürmischsten und trockensten Jahr seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen gesprochen.

Die Folgen lassen sich auch in Geld erfassen: Der weltgrößte Rückversicherer, die Münchener Rück, rechnet mit einem Gesamtschaden von rund 75 Milliarden Dollar (62,9 Mrd. Euro) in diesem Jahr, sehr viel mehr als die 45 Milliarden Dollar (37,8 Mrd. Euro) im Vorjahr.

"Das war ein wirklich herausragendes Jahr", sagte Ernst Rauch, Abteilungsleiter Sturm-, Unwetter- und Klimarisiken bei der Münchener Rück. Der Hurrikan "Katrina" sorgte seinen Worten zufolge mit allein 45 Milliarden Dollar für den größten Batzen des neuen Schadensrekordes.

Pessimismus

Pessimistisch sind die Erwartungen der Meteorologen für die kommenden Jahre. "Die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche Aktivität tropischer Wirbelstürme ist sehr groß", sagt Münchner-Rück-Experte Rauch.

Gründe

Laut Rauch sind es vor allem zwei Gründe, die für die nahe Zukunft noch mehr Unwetter erwarten lassen. Zum einen befänden sich die Meeresströmungen seit 1995 in einer zyklischen Warmphase. Zum anderen sei das Wasser des Atlantiks nicht nur überdurchschnittlich warm, sondern auf einem historischen Rekordwert. Schuld daran sei "sehr wahrscheinlich die globale Klimaerwärmung", da sich die Lufttemperatur mit der Wassertemperatur koppele.

Auch für gemäßigtere Breiten wie in Mitteleuropa sehen die Experten bei fortschreitender Erwärmung eine größere Unwetterwahrscheinlichkeit. "Je höher die Temperaturen im Sommer, desto leichter bilden sich Gewitter", sagte Rauch. Schon bei der Niederschlagsstatistik sei das als schleichender Prozess in den vergangenen Jahrzehnten abzulesen. Zwar ändert sich nicht die Menge, wohl aber die Verteilung: "Es regnet kürzer und heftiger", sagt Rauch. Mit entsprechenden Folgen für die Schadensseite, wie der Versicherungsexperte weiß: Schließlich machten Extreme die Schäden.

Zudem verlagerten sich die Niederschläge weg von den trockeneren und wärmeren Sommern hin zu den feuchteren und milderen Wintern. Die Schneefallgrenzen wanderten dementsprechend nach oben, zudem gebe es einen Rückgang der Gletscher, wie er so noch nie beobachtet worden sei, erläuterte Rauch.

>>> Experten erwarten schlimme Hurrikansaison

Es sei daher unvermeidlich, dass die Versicherungsprämien weltweit nach oben gehen. Die Einnahmen müssten prozentual ebenso steigen wie die Schäden, sagte der Münchener-Rück-Experte.

Immerhin: Die Qualität der Vorhersage werde besser. Mittlerweile seien stabile Wetterberichte für fünf bis sieben Tagen möglich, betonte Rauch. Aber: "Auch die beste Vorhersage hilft nur eingeschränkt bei der Schadenvorsorge." Denn die Prognosen beschränkten sich auf großräumigere Ereignisse und könnten nicht vorhersagen, welches Gebäude von einem Blitz getroffen wird. "Was fehlt in der Reaktionskette, ist eine längerfristige Anpassung an Unwetter, also Baumaßnahmen."

Schlimme Hurrikansaison erwartet

Was tropische Stürme betrifft, wird 2006 eine schlimme Saison erwartet. Bereits seit zehn Jahren dauere die Phase mit immer mehr und immer schwereren Stürmen auf dem Nordatlantik an, sagte Hurrikanexperte Thomas Sävert vom Wetterdienst Meteomedia. Die starke Hurrikanaktivität könne 20 bis 30 Jahre anhalten. Auch der Kieler Klimaforscher Mojib Latif sowie Wissenschaftler in den USA und Großbritannien sagen ein erneut starkes Hurrikanjahr voraus.

Nach Einschätzung von Sävert ist 2006 mit 17 bis 20 tropischen Stürmen - davon 10 bis 13 Hurrikans - auf dem Atlantik zu rechnen. Fünf bis sieben davon könnten Windgeschwindigkeiten von 185 Kilometern pro Stunde erreichen. Im Durchschnitt wurden seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund 100 Jahren jährlich nur zehn Stürme beobachtet, davon sechs Hurrikans. Damit könnte 2006 zu den fünf stärksten Hurrikanjahren seit Aufzeichnungsbeginn gehören. "Ähnlich schlimme Folgen wie 2005 können nicht ausgeschlossen werden."

In den USA beschäftigt sich seit mehreren Jahren an der Universität in Colorado ein Team um Philip J. Klotzbach und William M. Gray mit Vorhersagen für die jeweils kommende Hurrikansaison. Für 2006 erwarten die Experten in einer ersten Veröffentlichung etwa 17 Tropische Stürme, davon neun Hurrikans und darunter wiederum fünf starke Hurrikans. Ähnlich sieht die Prognose einer Gruppe von Wissenschaftlern in London aus. In der zurückliegenden Saison mussten die Vorhersagen mehrfach nach oben korrigiert werden. (APA/AP/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    2006 wird voraussichtlich erneut ein starkes Hurrikanjahr (im Bild "Wilma" über Florida, USA).

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