New York: Die trockenste Silvesterparty der Welt

30. Dezember 2005, 21:38
posten

Alkoholverbot und scharfe Bewachung beim Spektakel auf dem Times Square

New York - Den Streik bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben haben die New Yorker gut überstanden, die Gewerkschaft hat sich mit dem Arbeitgeber geeinigt, nichts scheint dem Riesenspektakel der Silvesterfeier im Weg zu stehen.

Mehr als eine Milliarde Fernsehzuschauer, rund ein Sechstel der Menschheit, blicken in der Silvesternacht auf den Times Square. Seit knapp hundert Jahren senkt sich dort pünktlich um Mitternacht eine glitzernde Kristallkugel über den Platz. Weil diese Zeremonie ein so globales Publikum hat, wird auf den Neonwänden sogar für Produkte geworben, die in den USA gar nicht zu haben sind.

Wer zum ersten Mal zu dieser so genannten Drehscheibe der Welt kommt, wundert sich: Das Ganze ist eigentlich kein Platz, sondern eine spitzwinklige Kreuzung. Hier gibt es keine Brunnen und Stiegen, keine Straßencafés und kein Standbild. Die einzige Attraktion sind Werbeflächen. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass jedes Gebäude am Times Square mit Leuchtreklame versehen sein muss.

100 Millionen Fotos

Die Miete für eine solche Fassade beläuft sich auf bis zu umgerechnet 1,7 Millionen Euro - pro Monat. Dafür gibt es aber auch garantierte Aufmerksamkeit: Die 25 Millionen Touristen, die jedes Jahr den Times Square besuchen, machen schätzungsweise 100 Millionen Fotos.

Das alljährliche Silvesterspektakel preisen die New Yorker unbescheiden als die größte Party der Welt an. In jedem Fall ist es die trockenste Silvesterparty der Welt, denn Alkohol ist streng verboten, ebenso Knallkörper.

Seit dem 11. September 2001 schauen von den Hochhäusern Scharfschützen auf die Feiernden hinab und Hubschrauber kreisen am Himmel. Auf den Straßen halten sich Spezialisten für das Aufspüren biologischer und chemischer Kampfstoffe bereit.

Die weitaus meisten New Yorker würden deshalb auch nie auf die Idee kommen, zu Silvester zum Times Square zu gehen: "Das überlassen wir den Cowboys aus dem Hinterland und den Ausländern."

Die erste Silvesterparty auf dem Platz gab es im Jahre 1904. Es war eine Feier zur Eröffnung des neuen Hauptquartiers der New York Times. Ihr Herausgeber Adolph Ochs hatte bei der Stadtverwaltung durchgesetzt, den bis dahin als Longacre Square bekannten Platz, einen Acker voller Pferdeställe, zu Ehren seines Blattes in Times Square umzubenennen.

Die erste Kristallkugel fiel drei Jahre später scheinbar vom Himmel. Heute hat dieser "Zeitball" einen Durchmesser von 1,80 Metern und ist mit 504 Dreiecken aus Kristallen, 600 bunten Halogenlampen, Scheinwerfern und Spiegeln geschmückt.

Veränderter Charakter

Der Charakter des Platzes hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert, er war Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung New Yorks und Amerikas. Die berühmteste Werbung überhaupt war 25 Jahre lang ein Camel-Raucher, aus dessen Mund Rauchkringel aufstiegen - heute undenkbar im raucherfeindlichen New York.

Und wo früher Kasinos, Theater und Sexshops dominierten, residiert jetzt der Spielwarenriese "Toys'R'Us": "Der Times Square hat sich noch mehr als Las Vegas der Hegemonie der Familie unterworfen", stellt der Autor James Traub in seinem Buch "Spielplatz des Teufels" fest.

Die einzige Konstante ist die Werbung. Die Neonschlacht der multinationalen Konzerne fasziniert die einen und stößt andere ab. Der englische Publizist Gilbert Keith Chesterton schrieb 1922: "Was für ein Wundergarten muss dies für jeden sein, der so glücklich ist, nicht lesen zu können." (dpa, DER STANDARD - Printausgabe, 29. Dezember 2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Silvesterfeier auf dem New Yorker Times Square ist die größte - und trockenste der Welt.

Share if you care.