"Europa braucht einen Außenfeind"

13. Juni 2006, 12:47
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Dietmar Ecker betreibt die Infoagentur eia, die Europa-Debatten organisiert - DER STANDARD fragte nach Euroskepsis und "Krone" - Ecker empfiehlt Frieden, Vielfalt und Tiere

STANDARD: Das "manager magazin" titelt in Österreich mit Kanzler Schüssel und "Kann dieser Mann Europa retten?"

Ecker: Die Fragestellung ist falsch. Europa ist ja nicht verloren. Da geht es um die Lösung von einigen Problemen.

STANDARD: Die sind mit PR allein wohl nicht zu beheben.

Ecker: Kommunikation ist eine Stabsleistung. Man kann Probleme der Europapolitik nicht wegreden. Bei 30 Millionen Arbeitslosen kann das nicht populär sein. Da braucht es Beschäftigungspolitik.

STANDARD: Aber für die viel beschworene und selten gefühlte europäische Identität sieht sich Ihre Branche zuständig, oder?

Ecker: Ich kann nicht von einer Kommunikationskampagne über zwei oder sechs Monate erwarten, dass damit europäische Identität entsteht. Das dauert Generationen. Man muss in den Schulen anfangen: Warum sind wir in Europa zusammen? Da steht ganz oben der Friedensgedanke. Zudem europäische Vielfalt, nicht nur kulturell. Ich würde mehr auf die Fauna und Flora Europas setzen. Mag blöd klingen, aber was lieben die Leute? Viecherln und Pflanzen. Kräutergarten Europas. Da kannst du viel machen. So beginnst du Softidentität.

STANDARD: Zentralorgan des Tieres ist in Österreich die "Krone". Gerade die schürt gern den Grant auf Brüssel.

Ecker: Ich glaube nicht, dass die Kronen Zeitung Politik macht. Sie gibt Stimmung wieder. Wird über Brüssel gejammert, schreibt sie das, wenn das die Auflage steigert. Ökonomisch vernünftig.

STANDARD: Warum haben die Österreicher laut Umfrage die schlechteste Meinung aller Mitgliedsnationen von der EU?

Ecker: Schwer zu sagen. Österreich profitiert enorm von der EU. Auf den Titelseiten feiern wir, wenn die Erste Bank die größte rumänische Bank kauft, OMV und Raiffeisen halb Osteuropa. Das taugt uns, aber Europa ist Scheiße.

STANDARD: Die Übernahmen heben das Selbstbewusstsein.

Ecker: Chicago wollten wir nicht werden, aber Brüssel zu sein, gefiele uns schon. Wir sind aber nicht mehr Zentrum der Monarchie. Zugleich vermissen wir die Insel der Seligen aus den Siebzigerjahren, wenn Arbeitslose mit enormen Kursentwicklungen von Konzernen einhergehen.

STANDARD: Tragen nicht viele Politiker die Verantwortung für Europaskepsis, die gerne Brüssel die Schuld für ungeliebte Entscheidungen geben, aber positive Entwicklungen sich zuschreiben?

Ecker: Viele europäische Sonntagsreden suchen das Feindbild in Brüssel. Ich darf den Feind nicht innen suchen, das kann nicht gehen. Ich muss Europa auch definieren durch Abgrenzung von anderen Kulturen, von anderen Wirtschaftsinteressen. Europa braucht einen Außenfeind. In der Massenkommunikation brauchst du Schwarz-Weiß-Welten. Das ist nicht schön, das ist nicht politisch korrekt, aber es ist so. Jetzt haben wir die bösen Briten mit ihrem Budgetrabatt, die bösen Polen mit den Subventionen für ihre Landwirtschaft und so weiter. Was ist mit den Dumpingprodukten aus asiatischen Schwellenländern? Was mit Konkurrenz aus den USA?

STANDARD: Was bringt die EU-Präsidentschaft Schüssel?

Ecker: Er hat Glück und Pech, dass 2006 ein Wahljahr ist. Er spielt auf der internationalen Bühne in einem Land, das international kein wirkliches Selbstbewusstsein entwickelt hat. Bilder zwischen Blair, Chirac, Merkel; gemeinsam Osteuropafragen gelöst. Ein geschickt angesetzter Lateinamerikagipfel im Mai: Die linken Südamerikaner kommen und reden mit Europa über Schuldennachlass, ein Signal ans linke Lager. Toll gemacht, strategisch ist Schüssel gut.

STANDARD: Und das Pech?

Ecker: Europaskeptischen Österreichern erklären zu müssen, warum man mehr zahlt, unpopuläre Entscheidungen mitträgt, um den europäischen Gedanken zu retten. Das wirkt meist innenpolitisch negativ, und die FPÖ versucht das zu nutzen. Schüssels Optionen: Er holt für Österreich in Europa etwas heraus. Oder eine Präsidentschaft als Europäer mit dem Risiko, dass ihn das Stimmen kostet. (DER STANDARD; Printausgabe, 29.12.2005)

Zur Person

Dietmar Ecker, geboren 1964, machte PR für AK und SP, seit 1998 hat er die Lobbying- und PR-Agentur Ecker & Partner.

Die Fragen stellte Harald Fidler.

Diese monatliche Interview-Serie entsteht in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung des Public Relations Verbandes Austria sowie der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der Wirtschaftskammer.

Infos

PRkannmehr.at

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    foto: ecker
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