Streit um den "schwulen" Theodor Körner

29. Dezember 2005, 11:35
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In "Geheimsache:Leben" werde Altbundes­präsi­dent Theodor Körner als Schwuler geoutet, ärgert man sich im Büro von Bun­despräsident Heinz Fischer - den Protest tut man per – ebenfalls ausgestellten – Brief kund

Wien – Auf einer Vitrine der Ausstellung "Geheimsache: Leben" – der ersten historischen Schau über Lesben und Schwule in Österreich, die derzeit in Wien zu sehen ist – klebt seit drei Wochen ein Brief aus der Kanzlei von Bundespräsident Heinz Fischer. Darin verwahrt sich Fischer-Sprecher Bruno Aigner gegen das, was sich in der Vitrine befindet – und somit Teil der Homosexuellenausstellung ist: Zeitungsberichte über Theodor Körner, den 1957 verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten und Sozialdemokraten.

Bei dessen Begräbnis seien "die Anverwandten" dem Sargwagen gefolgt sowie, "als zur Familie zählend, Körners treuer Kriegskamerad und Chauffeur Robert Semrad", ist da im Originalton der "Wiener Bilderwoche" zu lesen. Auch ein Foto der Beschriebenen ist zu bewundern. "Der alte Soldat und Junggeselle" sei "am Markt einkaufen gegangen, weil er für sich selber kochte" – verrät der von der Ausstellungsmachern beigefügte Text über Körner.

Empörter Aigner

Für Aigner ist das ganz eindeutig ein "Outing" Körners als Homosexueller – noch dazu das Outing "eines Verstorbenen, der nur selber Aufschluss über eine so private Angelegenheit wie seine sexuelle Orientierung hätte geben können", betont er im Gespräch mit dem STANDARD.

Entsprechend ablehnend ist auch sein Schreiben: "Enge Freunde und genaue Kenner der Persönlichkeit von Theodor Körner" seien "empört", sprächen von einem "Missbrauch Körners als Zugpferd für eine Ausstellung" und von einer "wirklichen Schande". Nach der Ausstellungseröffnung sei außerdem ein Zeitungsartikel über den früheren Bundespräsidenten erschienen – Titel: "Geheimer Homosexueller".

Diese Aufregung kann Hannes Sulzenbacher, Autor des Ausstellungskonzepts, nicht nachvollziehen. Von "Schande" etwa könne nur jemand reden, "der Homosexualität auch heute noch als etwas Schandhaftes sieht". Körner werde in der Ausstellung nicht als schwul bezeichnet, sondern vielmehr als "Projektionsfigur" für männliche Homosexuelle in den Jahren des Totalverbots.

"In Zeiten, in denen gelebte Homosexualität mit Gefängnis bestraft wurde, brauchten 'die da unten' die Hoffnung, dass auch manche 'da oben' ihr Schicksal teilten", sagt Sulzenbacher. In diesem Sinne sei der Altbundespräsident "Teil der Homosexuellengeschichte" – und um diese gehe es in der Schau.

Zudem lasse der "präsidentielle Ton" von Aigners Schreiben "viele Besucher stutzen, weil sie sich aus dem Büro Fischer etwas anderes erwarten". Doch dieses Argument lässt Aigner in seinem Schreiben nicht gelten: Gerade Heinz Fischer habe "oftmals und in aller Deutlichkeit bewiesen, dass er gegen jede Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen eintritt". (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2005)

  • Das ausgestellte Exemplar der "Wiener Bildwoche" aus dem Jahr 1957
    foto: derstandard.at/thomas bergmayr

    Das ausgestellte Exemplar der "Wiener Bildwoche" aus dem Jahr 1957

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