Das Milliardenspiel

27. Dezember 2005, 19:27
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Kommentar der anderen: Beinahe weltweit setzt sich die 1-bis-2-Kind-Familie durch

Kurz vor Weihnachten, am 19. Dezember, wurde der 6,5 milliardste Weltbürger geboren. Erdenbürgerin wäre politisch korrekt, aber unrichtig, weil es eher ein Knabe war: Millionen weibliche Embryos werden getötet, weil sie Mädchen geworden wären. So verstärkt sich der traditionelle Knabenüberhang schon bei Geburt massiv mit einem späteren Männerüberschuss bis ins reife Alter. Das hat weit reichende Folgen bis hin zu Gewalt und Kriegen, Frauenkauf und Frauenraub - oder auch Frauenpower, Altersumschichtung bei Paarbildung, Clochardisierung alleinstehender, am Heiratsmarkt chancenloser Männer usw.

Das 6,5 milliardste Büblein wurde vermutlich nicht im friedlosen "Heiligen Land" geboren, sondern irgendwo im friedlosen Pakistan oder Afghanistan, in Bangladesh, China oder Niger - 83 Prozent aller Neugeborenen kommen in Asien und Afrika zur Welt. In Lateinamerika nur 9 Prozent, so viel wie in Nordamerika, Europa und Ozeanien zusammen.

DemographInnen hatten Recht, als sie 1950 für 2005 rund 6,5 Milliarden Menschen prognostizierten, aber Unrecht, als sie für 2050 ca. 15 Milliarden vorhersagten: Es dürften bis 2075 eher "nur" 9,2 Milliarden werden, bevor das Bevölkerungswachstum anhalten wird. Paradoxerweise wächst die Erdbevölkerung noch sieben Jahrzehnte weiter, während bereits die Mehrheit Geburten unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern hat: Selbst in Brasilien, Südindien oder Algerien hat sich heute die 1-bis-2-Kind-Familie durchgesetzt. China hat trotz autoritärer 1-Kind-Politik dieselbe Geburtenrate wie das pronatalistische Frankreich oder Tunesien (1,9), wo Frauen vor 40 Jahren durchschnittlich 7 und vor 10 Jahren noch 3 Kinder hatten; und die in Schleier gezwängten Frauen im Iran - mit derselben Kinderzahl wie US-Amerikanerinnen - lassen sich offenbar so wenig von den Mullahs von der freiwilligen Geburtenkontrolle abhalten wie europäische Bauern oder amerikanische Siedler vor 200 Jahren von priesterlichen Verdammnis-Drohungen.

Geburtenzahl lässt sich nicht erzwingen

In der gesamten Menschheitsgeschichte hat kein Regime, nicht einmal Hitler oder Mao, ihrer Bevölkerung jemals eine politisch erwünschte (höhere oder geringere) Geburtenzahl oktroyieren können, ohne dass dies das Volk nicht selbst gewollt hätte (etwa den kurzen Babyboom der "Führerkinder"-Jahrgänge in Österreich nach 1939). Heute ist nur noch in Zentralafrika und wenigen Ländern Asiens die Geburtenrate auf dem globalen Niveau von 1950: fünf und mehr Kinder. Daher wird 2030 Indien, nicht China das bevölkerungsreichste Land sein, es wird mehr Pakistanis als Amis geben, und in zwei Generationen zwei Milliarden AfrikanerInnen - trotz Aids eine Verdoppelung der Bevölkerung auf ein Vielfaches des alten Nachbarn Europa.

All das ist ziemlich sicher. Ganz ungewiss ist hingegen, wie sich die Welt ab 2030 bzw. 2050 weiter entwickeln wird: So wie ÖkonomInnen kaum über ein Jahr oder einen Konjunkturzyklus hinaus prognostizieren können, irren DemographInnen regelmäßig bei allem, was über zwei Generationen - oder Bevölkerungsentwicklung im engeren Sinn - hinausgeht. Zuletzt haben sie den raschen und unumkehrbaren Geburtenrückgang weltweit ebenso spät gesehen wie die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums, das Tempo der Alterung oder die Zunahme gesunder Lebenserwartung.

Ich werde daher in den nächsten Folgen versuchen, hochspekulative demographische "Horrorszenarien" und Untergangsprophetien von ziemlich gesichertem Wissen über mögliche Entwicklungen 2006 bis etwa 2060 abzugrenzen. Ein Großteil der LeserInnen wird das meiste persönlich erleben. (DER STANDARD, Printausgabe 28.12.2005)

Von Bernd Marin
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