Kommentar der anderen: Eine Steilvorlage für den Kardinal

27. Dezember 2005, 19:15
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Christoph Schönborn versus Renée Schröder: Geplauder statt Dialog - Von Kurt Kotrschal

Es wirkt ja ist schon fast wie ein Witz, dass ausgerechnet der STANDARD Kardinal Schönborn zu einem propagandistischen Heimspiel verhalf. Denn anders kann man das am 24. 12. als "Streitgespräch" veröffentlichte Geplauder mit der Molekularbiologin Renée Schröder nicht bezeichnen. Womit sich auch wieder einmal das in religiös-geisteswissenschaftlichen Kreisen weit verbreitete Vorurteil bestätigte, Naturwissenschaftler hätten zu den wirklich wichtigen Fragen des Menschen nichts zu sagen.

Symptomatisch für den ganzen Gesprächsverlauf: Die absurde Aussage Schönborns, ihm hätten Biologen mitgeteilt, dass es eigentlich kaum Belege für den Artenwandel gibt, blieb nahezu unerwidert.

Eine organismische Biologin hätte den Herrn Kardinal jedenfalls entschiedener in die Schranken gewiesen, ob seiner beständigen Vermischung der Glaubens-und Wissensebene und der Wiederholung seiner Zumutung, es sei eine Vernunftfrage, einen Schöpfungsplan zu erkennen (was im Umkehrschluss bedeuten muss, dass die Biologen unvernünftig sind).

Eine systemisch orientierte Biologin hätte dem Kardinal wohl auch ihre Verwunderung darüber ausgedrückt, dass er als Vertreter einer Schöpfergott-Religion den kundigen Interpreten der Schöpfung ausrichten möchte, wie Biologie funktioniert. Und sicher hätte sie den Kardinal deutlich darauf hingewiesen, dass ideologische Grenzen für die Wissenschaft weder funktionieren, noch akzeptabel sind, nicht in der Vergangenheit, und auch in keiner vorstellbaren Zukunft.

Eine organismisch-systemische Biologin hätte auch die Frage nach der Menschenwürde nicht auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hätte gewusst, dass diese eine aus dem Art-spezifischen Sozialverhalten kommende, menschliche Universalie ist, eine zusammen mit der Fähigkeit zu moralisch-altruistischem Handeln im präfrontalen Kortex angesiedelte, biologische Eigenschaft.

Frage der Moral

Dass Religionen als Hüter der Moral auftreten, ist schon recht, sie sind aber keineswegs deren Quelle. Es ist ein scheinbares Paradoxon, dass eine Evolution, deren Ergebnisse nicht mit moralischen Maßstäben zu messen sind, die Moral hervorgebracht hat. Und sicherlich hätte man auch darauf hinweisen können, dass selbst Religiosität eine biologische Eigenschaft ist, weil sich das menschliche Gehirn Gott denkt.

Vielleicht hätte eine systemische Biologin den Herrn Kardinal auch mit jenen neuen Befunden der organismischen Biologie konfrontiert, wonach die basalen Hirngebiete für das sozio-sexuelle Verhalten der Wirbeltiere über 400 Millionen Jahre, buchstäblich von den Fischen bis zum Menschen unverändert blieben, was etwa auch für die zentralen Hirnmechanismen für Bindung gilt, sowie generell für jene Anteile unserer Physiologie, welche uns erlauben, im sozialen Kontext zu funktionieren. So finden Verhaltensbiologen heute bei Fischen, bei Vögeln und bei uns Säugetieren bis ins Detail gleiche soziale und kognitive Funktionsweisen. Vielleicht hätte frau/man auf Basis dieses Wissensstandes den Herrn Kardinal fragen können, warum just der Mensch als eine von drei rezenten Schimpansenarten Gott näher sein soll als unsere engsten Verwandten, Schimpanse und Bonobo.

Die Erklärungs- und Beunruhigungskompetenz der modernen organismischen Biologie ist im letzten Jahrzehnt stark gewachsen. Wie spannend wäre es gewesen, mit dem Kardinal die Gemeinsamkeiten und Gegensätze religiöser und evolutionärer Weltsichtmodelle zu diskutieren!

Das blieb Frau Schröder aber leider weitgehend schuldig. Und im Grunde ist es Schönborn hoch anzurechnen, dass er Schröders Steilvorlage nicht noch wesentlich konsequenter verwertete. (DER STANDARD, Printausgabe 28.12.2005)

Zur Person

Kurt Kotrschal ist Ethologe und Direktor der Konrad-Lorenz-Forschungs-Stelle in Grünau.

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