Gründer und Ärztin der "Colonia Dignidad" angeklagt

29. März 2006, 16:21
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Vorwurf der Misshandlung von acht Kindern deutscher Herkunft

Santiago de Chile - Der Gründer und eine ehemalige Klinikchefin der berüchtigten deutschen Sektensiedlung "Colonia Dignidad" sind in Chile wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt worden. Untersuchungsrichter Jorge Zepeda erklärte bei der Anklageerhebung am Mittwoch in Santiago de Chile, Paul Schäfer und Gisela Seewald hätten im vorliegenden Fall acht Kinder deutscher Herkunft den Eltern entrissen und misshandelt.

Die Opfer, so Zepeda, seien unnötigen "psychiatrischen Behandlungen" unterzogen worden. Schäfer sei außerdem davon besessen gewesen, "das sexuelle Verhalten der Opfer zu hemmen, um eine angebliche sexuelle Reinheit der Minderjährigen zu wahren".

Geständnis

Die 75 Jahre alte Seewald war erst am Montag nach einem Geständnis verhaftet worden. Sie habe in der "Colonia" in Südchile zwischen 1975 und 1978 als Klinikleiterin zahlreiche Minderjährige mit Elektroschocks und Beruhigungsmitteln misshandelt, hatte sie gegenüber Zepeda eingeräumt. Die Kinder seien unter anderem dann gefoltert worden, wenn sie sich den sexuellen Misshandlungen durch Schäfer widersetzen oder andere Anordnungen nicht befolgen wollten.

Zepeda hatte in den vergangenen Monaten Dutzende Opfer der Kolonie interviewt, die heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Medien berichteten, der Richter wolle auch Seewalds Nachfolger Hartmuth Hopp sowie mehrere Ex-Krankenschwester der "Colonia" unter Anklage stellen.

Die berüchtigte "Colonia Dignidad" war 1961 von deutschen Einwanderern in der Nähe der südchilenischen Stadt Parral gegründet worden. Menschenrechtsanwälte gehen davon aus, dass Gegner der Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1973 - 1990) in der Siedlung gefoltert und getötet wurden.

Nachdem er 1997 untergetaucht war, wurde Siedlungsgründer Schäfer im März dieses Jahres in Argentinien festgenommen. Der 85-jährige war in Chile im November 2004 bereits in Abwesenheit wegen des sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern verurteilt worden. Ihm werden von anderen Untersuchungsrichtern unter anderem auch das Verschwinden eines Dissidenten in der Siedlung zu Beginn der Militärherrschaft von Pinochet sowie mehrere Vergewaltigungen zur Last gelegt.

In der "Colonia" hatten jahrzehntelang zumeist deutsche Staatsangehörige in sektenähnlicher Gemeinschaft von der Außenwelt weitgehend abgeschlossen gelebt. Nach den Skandalen wurde die Kolonie in "Villa Baviera" umgetauft. Heute leben dort etwa 300 Menschen. (APA/dpa)

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