Sozialarbeit mit Geduld und Schmäh

27. Februar 2006, 17:08
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Wenn sich "Help U" am Karlsplatz um Menschen kümmert, setzt sie auf Schmäh - Dann kommt die Stationsaufsicht und "säubert" Bahnsteige von unliebsamen Personen

"Alex, alles klar?" fragt Charly aufmunternd. Alex liegt eingerollt in einen Schlafsack auf einer notdürftigen Unterlage aus Karton, einen Zigarettenstummel im Mundwinkel. Tausende Menschen gehen täglich an ihm vorbei, direkt neben ein paar Stufen, die zur U1 hinunter führen. Nur sehr zögerlich erwacht Alex aus seiner alkoholbedingten Apathie und lässt sich überreden, sich doch einmal aufzurichten – zumal Charly ein schlagendes Argument auf Lager hat: Es wird Zeit, Bier-Nachschub für die Nacht zu besorgen.

Alex lebt seit sieben Jahren in der Karlsplatz-Passage, erzählt Charly, einer von acht speziell geschulten Mitarbeitern von "Help U", die sich – an der Schnittstelle zwischen Streetworkern und Polizei – um die "Bewohner" eines der berüchtigtsten Plätze Wiens kümmern.

"Wir werten nicht"

Seit Oktober ist das Team mit den neonorangen Jacken, das sich zur Hälfte aus Mitarbeitern der Wiener Linien und des Fonds Soziales Wien (FSW) zusammensetzt, von acht bis 23 Uhr zwischen Opernpassage und Resselpark im Einsatz, um zwischen den Menschen zu vermitteln. "Wir werten nicht zwischen den verschiedenen Interessengruppen", erklärt Projektleiterin Gabi Ziegelmaier.

Interessengruppen Interessen, die leicht aufeinander prallen, gibt es genug: Da wäre die Drogenszene, die sich hier traditionell trifft, um vor allem Substitutions- Medikamente zu handeln; die Betreiber kleiner Passagenläden, die um ihr Geschäft fürchten; Obdachlose, darunter viele Roma, Sinti und psychisch Kranke, auf der Suche nach einer halbwegs trockenen und warmen Verweil- und Schlafstelle; schließlich Passanten und Öffi-Benutzer, denen es oft unangenehm ist, sich durch zweifelhafte Menschentrauben zu drängen.

"Es ist eine Sisyphusarbeit", seufzt Charly, während er gemeinsam mit Kollegin Ulli versucht, einen alten Mann mit Krücke aufzuwecken, der sich in einer Telefonzelle niedergelassen hat. Beim nächsten Rundgang wird er wieder hier sitzen. "Wir haben hier keine Vertreibungspolitik", betont Ziegelmaier, "allein die Menschen zum Aufstehen zu bewegen oder Gruppen, die die Passage blockieren, aufzulösen, hat eine große Wirkung auf das Sicherheitsgefühl."

Die mit gelben Jacken ausgestattete Stationsaufsicht der Wiener Linien, die parallel zu "Help U" am Karlsplatz vertreten ist, verfolgt das gleiche Ziel, aber mit der gegenteiligen Philosophie: "Wir betreiben eine Vertreibungspolitik," sagt der zuständige Stationsleiter Manfred Neuwirth explizit und scheut sich auch nicht, von "Säuberungen" der Bahnsteige von unliebsamen Personen zu sprechen.

16 Jahre Aufsicht Resigniert zieht Stationswartin Brigitte Koglbauer ihre durch "Checkpoints" abgesteckten Runden über die Gänge und Bahnsteige der drei U-Bahnlinien, die hier halten. 16 Jahre in diesem Job haben sie gegenüber Alkoholikern und Junkies, die in ihren eigenen Ausscheidungen in einem Lifteck sitzen oder ihr Lager in einem Winkel aufgeschlagen haben, abgebrüht: Eine knappe, bestimmte Aufforderung an den Betroffenen, den U- Bahn-Bereich umgehend zu verlassen, und der Rundgang wird fortgesetzt.

Zehn Minuten sitzen

"Help U" setzt hingegen auf Kommunikation mit Schmäh: Das anfängliche Misstrauen, insbesondere der Drogenszene, hat sich zu einem recht lockeren Umgang gewandelt. "Puppi, heit schaust wieda blendend aus", hört Ulli regelmäßig von Robert, einem der "Stammgäste". Dafür ist der TBC-Kranke "der einzige, der zehn Minuten sitzen bleiben darf". Gerade in der kalten Jahreszeit ist die Karlsplatz-Passage ein brodelnder Mikrokosmos, in dem jeder jeden zu kennen scheint.

150 Interventionen Rund 150 Interventionen pro Tag verzeichnet Help U auf Österreichs größter Station, die täglich 300.000 Menschen frequentieren. Dazu zählen einfache Anfragen von Touristen genauso wie Streitschlichtung, Vorgehen gegen offenes Dealen und Notfallhilfe. Oder stundenlanges Ausharren neben Suchtkranken, die zu schwach zum Gehen sind, aber "gleich munter werden, wenn sie ,Rettung' hören", wie Ulli schildert.

"Das größte Problem ist, dass in Extremfällen niemand zuständig ist und uns die Hände gebunden sind", meint Charly. Bei einer zu hohen Dosis wäre ein Ruheraum, wo sich Drogensüchtige für ein, zwei Stunden erholen könnten, die beste Lösung. "Die Politik sieht hier offenbar keinen Bedarf. Da müsste erst die Öffentlichkeit aufschreien, dass Hilfe für diese Menschen nötig ist", kritisiert Charly.

Pilotphase

Bisher ist die niederschwellige Betreuungsarbeit von "Help U" in der Pilotphase, die bis Ende des nächsten Jahres angesetzt ist. Die Projektleitung hofft aufgrund der guten Erfahrungen auf eine Fortsetzung. Die Chancen stehen nicht schlecht: Bis Februar soll der neue Stützpunkt am Ausgang Resselpark bezugsfertig sein.

Neuwirth von den Wiener Linien schätzt zwar die Arbeit von Help U, hat jedoch eine völlig andere Lösung: Er plädiert für eine eigene U-Bahn- Polizei. Diese sollte mehr Durchgriffsmöglichkeiten haben, denn aufgrund von Fällen "wie Omofuma und so" würden Polizisten "einen großen Bogen um Schwarze machen". "Giftler" sollten zwar nicht verurteilt werden, aber: "Recht muss Recht bleiben." (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 28.12.2005)

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    foto: standard/heribert corn
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