Europa hängt weiter am russischen Öl- und Gas-Tropf

27. Dezember 2005, 09:00
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Starke Expansionsgelüste russischer Großkonzerne

Die europäischen Länder hängen teils bis zu 100 Prozent von russischem Öl und Gas ab. Russland will mit seinen Energiegiganten weiter auf dem europäischen Markt expandieren – und damit auch an außenpolitischem Gewicht zulegen. Der Grad der Kritik an Russland wird nicht zuletzt durch die energetische Abhängigkeit bestimmt.

Aber nicht nur Europa wird die Abnahme der Ölförderung in der Nordsee noch enger an Russland binden, die hohen Energiepreise, der steigende Energiebedarf und der Wunsch nach weniger Abhängigkeit vom Nahen Osten machen zunehmend auch China, Indien und Japan zu Bittstellern im Kreml. Dieser hat auf die steigende Nachfrage reagiert, sich mit einer 50-prozentigen Steigerung der Ölförderung in den letzten fünf Jahren auf Platz zwei hinter Saudi- Arabien aufgeschwungen und als uneinholbar größter Erdgasproduzent auch hierin um fünf Prozent zugelegt.

Trumpf und Hebel

Was wirtschaftlich günstig ist, ist auch politisch opportun. Zwar beruhigt Staatschef Wladimir Putin, seinen Bonus nicht missbrauchen zu wollen, aber in Ermangelung anderer Trümpfe ist der Öl-, besonders aber der Gasexport zu Russlands politischem Hebel geworden. Gerade in letzter Zeit nimmt der Energieaspekt in Russlands Außenpolitik eine dominierende Rolle ein. Das zeigt sich derzeit am deutlichsten im Gas-Streit mit der Ukraine. Auch war die Energiekooperation mit Russland beim Gipfel mit den südostasiatischen Staaten Thema Nummer eins. Und beim G-8-Gipfel 2006 in Petersburg will Putin die weltweite Energiesicherheit zum Haupttagespunkt machen. Ob Stärkung des politischen Hebels oder wirtschaftliche Expansion: in jedem Fall arbeiten die russischen Konzerne an einer größeren Präsenz im Ausland.

Richtung Deutschland

Vor allem Gasprom, jener Konzern, der sich soeben den deutschen Exkanzler Gerhard Schröder ins Boot geholt hat und der sich nach den Worten seines Vizechefs in den nächsten fünf Jahren zu einem führenden globalen Energiekonzern entwickeln will. Eben erst sagte der Deutschlandchef von Gasprom Hans-Joachim Gornig gegenüber dem Tagesspiegel, dass man in Deutschland "näher an die Verbraucher herankommen" will. Bestehende Beteiligungen sollen ausgebaut und nun auch weitere deutsche Stadtwerke zugekauft werden. Auch in Italien will man an den Endkunden herankommen. Wie sehr die einzelnen Staaten schon jetzt von Russland abhängen, hat nun die russische Zeitung Nesawissimaja Gaseta gemeinsam mit zwei Forschungsinstituten analysiert. Die Balten, die Slowakei, Polen, die Ukraine und Ungarn decken ihren Ölbedarf zu 80–100 Prozent aus Russland, Tschechien zu zwei Dritteln. Beim Gasverbrauch sind die osteuropäischen bzw. neuen EU-Staaten zu 50 und 100 Prozent von Russland abhängig, die meisten zu mehr als 80 Prozent. Unter den so genannten westeuropäischen Staaten führt Finnland, das zu 99 Prozent russisches Gas und zu 70 Prozent russisches Öl verbraucht, mit großem Vorsprung. Nach Griechenland (90 Prozent russisches Gas) folgt bereits Österreich mit 64 Prozent vor Deutschland (43 Prozent), sowie Italien und Frankreich mit immerhin 30 Prozent. Auch beim Öl führen die Finnen (70 Prozent des Bedarfs) vor der Schweiz (40 Prozent), Deutschland und Österreich mit je einem Viertel des inländischen Bedarfs. Weitgehend unabhängig von Russland sind hingegen Norwegen, Holland, Dänemark, Spanien, Portugal, England, die USA – und bislang auch noch Japan, China und Indien.

Kritik und Liebe

Kritik an und Liebe zu Russland stehen laut Studie tendenziell direkt proportional zur Energieabhängigkeit – jedoch mit auffälliger Ausnahme der Balten, Polen und Ukrainer: Ihre lautstarke Russophobie aufgrund jahrzehntelanger Okkupierung verstummt auch angesichts der Energieabhängigkeit nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2005)

Eduard Steiner aus Moskau
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