Bleigießen für Frühreife

27. Dezember 2005, 23:52
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Kufstein feiert heuer bereits zum zehnten Mal am 30. Dezember Silvester

Den Tirolern immer wieder sprichwörtlichen Eigensinn zu unterstellen ist wohl deutlich unpräziser als ganz konkret den Kufsteinern besonderen Geschäftssinn. Denn die Tatsache, dass in Kufstein seit nunmehr zehn Jahren bereits am 30. Dezember Silvester gefeiert wird, lässt sich selbst mit größter Mühe nicht historisch nachvollziehen. Nicht einmal die reichhaltigen Quellen der Minne vom "Wahrscheinlich-Tiroler" Walther von der Vogelweide übers Kufsteinlied bis zu DJ Ötzi können da behilflich sein.

Rund 15.000 "Frühzünder" in Sachen Jahreswechsel werden auch heuer wieder erwartet, wenn Kufstein kollektiv den Gregorianischen Kalender ignoriert. Gottfried Preindl allerdings, der mit der Vermarktung der Festung Kufstein betraut ist, hat heuer sturmfreie Bude. Die Begeisterung für das Konzept ist den vergangenen Jahren derart explodiert, dass die Besucherzahl einerseits aus Sicherheitsgründen limitiert werden musste und die Veranstaltung heuer ausschließlich im Zentrum Kufsteins stattfinden wird.

Die Anhänger dieser jungen Tradition sind von Anfang an grenzübergreifend zu finden, und die Bayern müssen ja tatsächlich nur über die Grenze hinübergreifen, um in Kufstein dabei zu sein. Dennoch ist es bemerkenswert, dass im letzten Jahr 95 Prozent aller verkauften Eintrittskarten nach Bayern gingen.

Sozialpunsch

Für den Eintrittspreis von 14 € erhält man außer zwei Getränkegutscheinen, DJ-Beschallung und "ABBA-Aufguss" auch heuer wieder die Gewissheit, nicht ganz umsonst verfrüht das Blei zu gießen: Kamen im letzten Jahr ein Teil der Einnahmen den Tsunami-Opfern zugute, spendet man dieses Jahr 40 Cent pro eingelöstem Getränkegutschein den vom Hochwasser betroffenen Tirolern. Der Trinker für den guten Zweck wird mit einem gut funktionierenden und kostenlosen Shuttlebussystem belohnt, das bis vier Uhr früh auch die nahen Grenzstädte in Bayern bedient. Zeit genug also, um sich dem zweistündigen Feuerwerk zu widmen und danach noch in Kufsteins Lokalszene zu versumpern.

Bleibt natürlich die Frage, was macht man mit dem "eingesparten" Tag in Kufstein. Wer sich nicht wieder bis zum Juli gedulden will, wenn in Erl die nicht nur wegen der Akustik des Passionsspielhauses hoch gelobten Tiroler (Wagner-)Festspiele stattfinden, kommt schon jetzt zum Pflug - zumindest sportlich: Das Skigebiet am Wilden Kaiser bietet mit rund 250 Kilometern nicht nur zahme Pisten und bis zur Schneeschmelze ausreichend Kombinationsmöglichkeiten. Drei Übernachtungen in der einfachsten Kategorie in Verbindung mit einem Drei-Tages-Skipass sind immerhin schon ab 153 € zu haben.

Freilich kaum ein Hotel wird man in der näheren Umgebung von Kufstein finden, das sich "traut", ein Silvester-Package anzubieten und den Gast schon wieder am 31. 12. nach Hause zu schicken. Das Aurracher Löchl im Zentrum der Stadt jedenfalls ist auch ohne Pauschale ein rustikaler Tipp, ab 48 € pro Person bekommt man dort nebst Frühstück die relative Gewissheit, dass in dem seit 1409 existierenden ältesten Weinhaus Österreichs das Kufsteinlied geboren wurde - höchstwahrscheinlich keine klassische Heurigenlegende. Auf jeden Fall sollte man sich als Gast des Hauses die interessanten Geheimstollen zeigen lassen, die bei den Umbauarbeiten 1997 zufällig entdeckt wurden und unter dem Festungsberg sowie der Altstadt verlaufen.

Wer den Tiroler-Bayerischen Austausch noch weiter intensivieren will, sollte in das von Kufstein nur 15 Kilometer entfernte Bayrischzell fahren: Das Fünf-Sterne-Superior-Haus Alpenhof bietet einerseits klassische Wochenendangebote ab 225 € pro Person inklusive einer dreigängigen Halbpension und einem kleinen, aber feinen Spa-Bereich. Der Umweg lohnt sich jedenfalls auch für einen Abend, sei es für ein exzellentes Abendessen, das spezielle Silvester-Galadiner oder die Schlemmerorgie von nachmittags bis abends am ersten Tag im neuen Jahr. Unbedingt einkalkulieren sollte man allerdings die "Zeitverschiebung" - Bayrischzell feiert Silvester erst zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Jänner. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25./26.12.2005)

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