Kafka versus Freud

30. Dezember 2005, 13:27
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Peter-André Alt verwendet Kafkas Leben als Interpretationsvorlage

Eine Biografie über Franz Kafka scheint selbst 80 Jahre nach seinem Tod und trotz einiger bereits publizierter Biografien - die erste, von Max Brod verfasst, datiert von 1937 - ein längst überfälliges Unternehmen - nicht weil seine Lebensgeschichte besonders abenteuerlich wäre und vieles davon im Dunkeln läge, im Gegenteil, seine Lebensgeschichte ist sehr gut erschlossen, durch Berichte von Zeitgenossen, in zahlreichen Briefen und Selbstzeugnissen sehr gut belegt, ja man könnte sagen: kein Tag, an dem man nicht wusste, wo er sich aufhielt oder womit er sich gerade beschäftigte. Aber auch diese Fülle an Material und detaillierter Kenntnis, wie sie die jetzt neu erschienene Biografie von Peter-André Alt aufweist, befriedigt nicht restlos, lässt etwas offen, die Sehnsucht nach einem Schlüssel zu dem Ungeheuerlichen, dem Bedrohlichen und dem Rätsel, das uns durch Kafkas Werk begegnet.

Peter-André Alts Kafka-Biografie besteht zu gut zwei Dritteln aus Interpretationen der Schriften Kafkas. Es werden nicht nur biografische Daten, Briefe und Äußerungen Kafkas zur Interpretation herangezogen, sondern auch seine Lektüre, geistige Strömungen der Zeit, und auch Ideen, Ereignisse, von denen er gewusst haben könnte, also auch Ungesichertes. Dieses Verfahren hat etwas Erhellendes, dort, wo es Zusammenhänge aufdeckt und vertieft, etwa im Bezug zum Ostjudentum und den chassidischen Lehren, aber es hat auch unterstellenden Charakter, wo die Biografie zum Vorwand wird, als habe Kafkas Leben den einzigen Zweck gehabt, uns sein Werk verständlich zu machen - eine Unterstellung, die in letzter Konsequenz die Autonomie des Werkes untergräbt, dessen, was durch Kafka als Literatur in die Welt kam. Dass diese Literatur nicht "gemacht" war, das heißt, nur Spiegelbild der Berechnungen und des Kalküls des Autors ist, ist auch Peter-André Alt klar.

Wie man eine Geschichte wie Das Urteil in einer Nacht schreiben kann, ist im Grunde nicht zu begreifen. Man muss es auch nicht. Die Geschichte wird durch Erklärungsversuche ja weder anders noch besser. Trotzdem ist es vielen Leuten unerträglich, das einfach hinzunehmen, und da es ja sehr viele Menschen gibt, die von dem leben, was andere hervorbringen, indem sie das Hervorgebrachte - etwa ihren Studenten - erklären, muss auch das Unbegreifliche, sozusagen "existenzsichernd", erklärt werden. Der kürzeste Weg von der Realität zum Unbegreiflichen führt hier, seit etwa einen halben Jahrhundert, über das Unbewusste, sprich: über die Psychoanalyse.

Als Franz Werfel 1922 Franz Kafka in Prag besucht, kommt es, wegen Werfels neuem Stück Schweiger, zwischen den beiden zu einer heftigen Auseinandersetzung, bei der Kafka das Stück ungewöhnlich scharf kritisiert. Das Stück handelt von einem Mann, Schweiger, der in einem Anfall geistiger Umnachtung in eine Gruppe Kinder geschossen hat und eines von ihnen tödlich verletzte. Er kommt zu einem antisemitischen Psychiater einer gegen Freud eingestellten Analytikerschule in Behandlung, der ihn zuerst heilt, dann aber sein "neues Leben" zerstört, indem er dessen Frau von dem Vorfall erzählt. Seine Frau verlässt ihn, er rettet noch zahlreiche Kinder bei einem Schiffsbrand aus den Flammen und nimmt sich dann das Leben - also ein reines Tendenzstück, schon die Wiedergabe des Inhalts macht Kafkas Reaktion verständlich. In dieser Reaktion fällt der Satz: "Wer hier nicht mehr zu sagen hat als die Psychoanalyse, dürfte sich nicht einmischen." Das heißt: Kafka, dem die Werke Freuds und die Psychoanalyse bekannt waren, hatte ein genaues Bewusstsein auch über die Grenzen der neuen Wissenschaft. Dass er und seine Werke nun zu Objekten dieser Wissenschaft werden, indem ein promovierter Literaturwissenschafter sich als Hobbyanalytiker daran versucht, wäre ihm kaum verständlich gewesen - vor allem, wenn dies Resultate wie das Folgende zeitigt: "Auch Die Verwandlung erweist sich damit als gedoppeltes Familienschauspiel im Sinne der von Freud beschriebenen neurotischen Grundkonstellationen: Das Generationendrama zeigt das Scheitern der Jugend im Kampf gegen die ältere Ordnung, das Inzestdrama führt die Ablösung der Schwester aus dem Bannkreis des sie sexuell begehrenden Bruders vor. Beide Konfliktinszenierungen enden mit dem in der ökonomischen Figur des Tausches vergegenwärtigten Triumph der vitaleren Macht, wie sie der Vater und die Schwester verkörpern." Im Licht solcher Sätze scheint einem plötzlich die "eindeutige" Rätselhaftigkeit der kafkaschen Prosa viel verständlicher, wenn auch auf andere Weise, als von Peter-André Alt beabsichtigt.

Günstig wäre es gewesen, die Interpretationen von der Biografie getrennt zu veröffentlichen. So aber ist beides derart unlösbar ineinander verzahnt, dass, wer kein Liebhaber von Interpretationen ist, an diesen kaum vorbeilesen kann. Ein anderes damit verknüpftes Problem ergibt sich aus dem Detailreichtum der Informationen; sie sind in solcher Fülle vorhanden, dass sie eine Art Bodenlosigkeit erzeugen, in die der Leser immer wieder aufs Neue stürzt, zurückblättert, weiter zurückblättert (das Buch hat 764 Seiten, die Schrift ist klein), um sich in dem Buch zurechtzufinden, eine Art roten Faden für sich zu finden, der das Buch lesbar macht. Auch die, teils wörtliche, Wiederholung von Sätzen und Formulierungen, 200, 300 Seiten später trägt zusätzlich zur Verwirrung bei, sodass man sagen muss, dass dieses Buch eigentlich zur Lektüre nicht geeignet ist. Auch zum Studium ist es aufgrund der teils sehr spekulativen Interpretationen nur bedingt zu empfehlen.

Überhaupt ist es fraglich, ob wissenschaftliche Interpretation dem Werk Kafkas angemessen ist. Ein Werk, das freilich schon beim Lesen nach Auslegung verlangt, nach Deutung, und das nur verliert und verlieren kann, wenn etwas "hineingelegt" wird. Fazit: deuten, nicht interpretieren; lesen, nicht spekulieren. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2005)

Von Alfred Goubran
  • Peter-André Alt:Franz Kafka. Der ewige Sohn - 
eine Biographie€ 35,90 / 763 Seiten. C. H. Beck, 
München 2005.
    foto: beck

    Peter-André Alt:
    Franz Kafka. Der ewige Sohn -
    eine Biographie
    € 35,90 / 763 Seiten. C. H. Beck,
    München 2005.

  • Etwas Ungeheuerliches,
Bedrohliches, ein Rätsel, das
uns in seinem Werk begegnet:
Franz Kafka. Die Abbildung
stammt von Friedrich Feigl
und ist dem großformatigen,
schönen Band „Dichterbilder.
Von Walther von der Vogelweide
bis Elfriede Jelinek“
entnommen. Herausgegeben
wurde das Buch von Frank
Möbus und Friederike
Schmidt-Möbus. Erschienen
ist es im Reclam-Verlag
(W 51,30).
    foto: reclam-verlag

    Etwas Ungeheuerliches, Bedrohliches, ein Rätsel, das uns in seinem Werk begegnet: Franz Kafka. Die Abbildung stammt von Friedrich Feigl und ist dem großformatigen, schönen Band „Dichterbilder. Von Walther von der Vogelweide bis Elfriede Jelinek“ entnommen. Herausgegeben wurde das Buch von Frank Möbus und Friederike Schmidt-Möbus. Erschienen ist es im Reclam-Verlag (W 51,30).

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