Lenin, nicht Lennon

26. Dezember 2005, 12:00
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Der junge Ukrainer Ljubko Deresch landete mit seinem Roman einen Sensationserfolg - Der Autor im STANDARD-Interview

Ljubko Deresch sprach mit Walter Grünzweig über Popkultur, Underground, Mitteleuropa und sein neues Buch.


STANDARD: Hat Sie der Erfolg Ihres Buches in deutscher Übersetzung überrascht?

Ljubko Deresch: Ja, sehr! Ich kann gar nicht abschätzen, was daraus noch alles wird, das Buch ist ja erst seit zwei Monaten auf dem Markt. Auch der Erfolg in der Ukraine war überraschend für mich. Im Grunde kenne ich die Leser, die dort mein Buch lesen und es zum Kultobjekt machen, nicht. Aber manchmal, bei Lesungen, spreche ich mit Leuten, und sie sagen sehr positive Dinge darüber. Da sehe ich, dass ich es nicht umsonst geschrieben habe.

STANDARD: Das deutschsprachige Feuilleton sprach im Zusammenhang mit dem Roman etwas nostalgisch, manchmal auch spöttisch von der Wiederkehr der Siebzigerjahre. Wie sehen Sie die Zeitgenossenschaft Ihres Textes?

Deresch: Es ging mir nicht um das Lebensgefühl einer Generation. Insgesamt gibt es in der Ukraine natürlich keine Wiederkehr der Siebziger oder Sechziger. Wir leben ein modernes Leben, und unsere Kultur gleicht sich jedes Jahr mehr an die internationale Entwicklung an. Aber wenn sich eine Gruppe für die Sechziger und Siebziger begeistert, kann sie das tun. Durch das Internet haben sie die Musik und die Informationen, können Texte, Noten und Fotos bekommen. Bei dieser Technologie ist es nicht mehr schwer, einen Kult um etwas herum zu entwickeln. Das ist vielleicht das Zeitgenössische an einer solchen Bewegung.

STANDARD: Wofür steht "Kult" eigentlich?

Deresch: Na ja, das Wort kann man interpretieren, wie man will. Als ich das Buch schrieb, meinte ich den Kult um Howard Phillips Lovecraft und seine fantastischen Geschöpfe, die ich mir von der Seele schreiben musste. Aber jetzt erkenne ich, dass der Titel viel weiter reicht.

STANDARD: Wie bringen Sie Ihr Studium der Betriebswirtschaft eigentlich mit der Literatur zusammen?

Deresch: Ganz einfach. Sie halten einander im Gleichgewicht. Die Wirtschaft hat wenig mit einer imaginären, phantomhaften Sache wie der Literatur zu tun und erinnert einen daran, dass man Geld verdienen und sein Leben leben muss. Zusammen ergeben die beiden eine einheitliche Perspektive aufs Leben - wie Lenin sagte: die Dialektik der Gegensätze. Die beiden Seiten zusammenzubringen ist für mich gar nicht verwirrend.

STANDARD: Sie haben gerade Lenin zitiert.

Deresch: (lacht) Lenin, nicht Lennon.

STANDARD: Was weiß Ihre Generation eigentlich noch über den Marxismus?

Deresch: Wir kennen einige Zitate, die in der postsowjetischen Wirklichkeit zu Sprichwörtern wurden, die man von Kindesbeinen an hört.

STANDARD: Lwiw ist Ihre Heimatstadt. Existiert noch eine spezielle Identität der Stadt, die als Lemberg ja Teil der Habsburgermonarchie war? Ist das für die jüngere Generation noch von irgendeiner Bedeutung?


Deresch: Die Sache mit Habsburg und Franz Joseph geht mir auf den Wecker. Ich möchte Österreich wirklich nicht beleidigen, aber Lwiw hat diesen Geist nicht mehr, und es gibt nur sehr wenige Leute, die diese Werte und Emotionen wiederbeleben wollen. Für mich geht das einfach nicht. Für junge Leute ist Lwiw nicht Teil von Österreich-Ungarn, sondern einfach Lwiw.

STANDARD: Es geht ja auch mehr um Mitteleuropa - etwa der Gedanke, dass Lwiw kulturell Graz oder Triest näher ist als Kiew.

Deresch: In einigen Jahren wird Lwiw vielleicht wieder näher an Triest sein, aber jetzt sehe ich vor allem die Distanz. Die Kultur kommt jetzt hauptsächlich aus Kiew. Auch wenn das für viele Einwohner meiner Stadt schmerzvoll ist.

STANDARD: Und Sie haben einen russischen E-Mail-Provi-
der . . .

Deresch: (lacht) Das stört meine patriotischen Gefühle ganz und gar nicht. Sie sind halt verlässlich. Und Yahoo.com ist doch der Moloch des Kapitalismus, oder?

STANDARD: Wovon handelt Ihr neues Buch?

Deresch: Über einen Mann mit einem unglaub- lichen Gedächtnis, der sich an unheimlich viele Dinge erinnern kann. Irgendwann einmal übersteigt diese Erinnerung dann die Grenzen seines Lebens, und nur die Großmutter kann ihn vor dem Irrsinn bewahren. Schließlich stellt sich heraus, dass diese Erinnerungen von jemand anderem sind . . . (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2005)

>>Erlösung im Rock'n'Roll: Ljubko Dereschs gefeierter Roman "Kult"

Erlösung im Rock'n'Roll

Ljubko Dereschs gefeierter Roman "Kult"

Der Titel dieses Romans ist Programm, und zwar auch was seinen Autor angeht. Die Zeitungsfeuilletons dieses Herbsts sind voll von erstaunten Nachrichten über einen jungen Studenten der Wirtschaftswissenschaften aus Lemberg, der diesen Roman vor schon fünf Jahren, als Sechzehnjähriger, geschrieben hat (und der damals auch schon sein zweiter war). Aber die Kommentare betonten nicht bloß die Jugend dieses Autors, sondern auch seine Belesenheit. Wie konnte ein Jugendlicher nur so viel verarbeitet haben! Da wurde der von Deresch selbst erwähnte amerikanische Schauerschriftsteller H. P. Lovecraft genannt, John Irving, mit seinem Garp, J. D. Salingers Fänger im Roggen und Stephen King. Man betonte die Rolle der Musik - vor allem der Siebzigerjahre: Pink Floyd, Led Zeppelin, Jim Morrison - und natürlich die Drogen.

Aber in dem von Suhrkamp mit einem ukrainegemäß orangen, psychedelisch wirkenden Umschlag versehenen Roman geht es nicht um Nachholübungen einer gerade befreiten, womöglich als naiv eingeschätzten ukrainischen Jugend. Wie der Autor anlässlich eines Auftritts auf dem Kinder- und Jugendbuchfestival "Bookolino" im Grazer Literaturhaus deutlich machte, sieht er sich als Teil einer selbstbewussten Kultur- und Literaturbewegung, die der modernen Ukraine Stimmen verleiht.

Mit dem emotionalen Überschwang der jugendlichen Protagonisten Jurko und Daria geht eine ironische Abgeklärtheit einher, die überrascht und manchmal erschreckt. Dieses Buch ist diskurs- und medienbewusst und lässt keine "naive" Lektüre zu. Die konventionelle Welt der Älteren wird etwa im medialen Vergleich erklärt. Die Lokalpresse "ließ auch die ewigen Themen nicht aus: Vergewaltigung, Mord, Kindesmissbrauch und andere heiße Kisten; was Rentner eben gern lesen." Bei der Charakterisierung einer Nachbarin des Protagonisten, einer "baptistischen Baba", gerät die Metaphorik vollends aus den Fugen - sie sei "hässlich wie der Atomkrieg."

Ist der erste Teil des Buches ein Schul- bzw. Internatsroman, der beißende (Kultur-)Kritik an der postkommunistischen Realität des Landes übt, so mutiert der zweite zu einem quasireligiösen Epos, bei dem man zwischen drogeninduzierten Hirngespinsten und spiritueller Suche kaum unterscheiden kann. Die nur schwer dechiffrierbare Mystik dieses Teiles, immer wieder vom schulischen Alltagsleben durchbrochen, bezieht sich offensichtlich auf die fiktionale Welt des amerikanischen Horrorschriftstellers H. P. Lovecraft. Wiewohl der "tiefer Sehende" (Deresch) die vielen intertextuellen Bezüge des Romans schätzen und als Teil eines globalen literarischen Netzwerks erkennen wird, soll und kann auch dieser mythenschaffende Teil des Romans für sich selbst stehen.

Am gelungensten ist wohl der Epilog, in dem die Schülerin Daria, im realen Leben schwer verunglückt und an drei Gliedern amputiert, in den "Transitraum" kommt und dort auf den "Satyr"-Gitarristen aus Jim Morrisons An American Prayer stößt. Dieser Musiker, bei Morrison der "Guitar player / Ancient wise satyr / Sing your ode to my cock" und von Deresch wortwörtlich zitiert, verweist Daria in die nächste Welt: "Utopia. 30 km." Die Erlösung im Himmel des Rock 'n' Roll ist vielleicht der einzige Teil des Romans, der so ziemlich ernst gemeint ist. Dort wird sie auch ihren Jurko wiedertreffen - Populärkultur als Transzendenz? (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2005)

Zur Person

Walter Grünzweig
ist Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der Universität Dortmund
  • Ljubko Deresch: KultRomanAus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. € 10,30/272 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.
    buchcover: suhrkamp

    Ljubko Deresch: Kult
    Roman
    Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. € 10,30/272 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.

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