Ihr Kinderlein kommet - nicht

15. November 2006, 11:48
44 Postings

Die zunehmende Mobilität im Job, vom Fernpendeln zum "Living apart together"-Modell, hat eine dunkle Seite: Die Frauen verzichten großteils auf Kinder

Wien - Dass Kinder Geborgenheit brauchen, sei potenziellen Eltern meist klar, weiß Paloma Fernandez de la Hoz. Ohne Zutrauen, dass sie das auch bieten werden können, betont die Sozialwissenschaftlerin der Katholischen Sozialakademie Wien, würden die Frauen ihren Kinderwunsch "aus Verunsicherung verschieben". Das Durchschnittsalter für Erstgebärende in Österreich liegt bei 28 bis 29 Jahren, 1970 betrug es noch 24 bis 25 Jahre - und Frauen, die sich mit über 40 fürs erste Kind entscheiden, sind heute keine Seltenheit mehr.

Eine nicht zu vernachlässigende Rolle spiele bei dieser Entwicklung die dunkle Seite der zunehmenden Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, bringt hier Norbert F. Schneider, Soziologe im deutschen Mainz, vor. "Kinder werden entweder später geboren, oder die Paare entscheiden sich gegen die Elternschaft", sieht er Folgen von mehr Mobilität im Job.

Laut Volkszählung waren 2001 von den rund 3,5 Millionen Erwerbstätigen 164.064 Personen Fernpendler - sie wenden täglich zwei Stunden oder mehr für den Arbeitsweg auf. Das sind um 53.969 Menschen mehr als bei der Volkszählung zehn Jahre davor, plus 49 Prozent.

Der Nachwuchs muss vor allem dort warten, wo berufliche Mobilität als Zwang empfunden werde, etwa unter dem Eindruck hoher Arbeitslosigkeit, erläutert Schneider. Dazu komme eine "wenig ausgeprägte Mobilitätsbereitschaft" in Deutschland - Österreich gilt als vergleichbar.

Resultat

Auch wenn Wochenendbeziehungen und das Modell des "Living apart together" (getrennt zusammenleben) derzeit im Trend zu liegen scheinen; es ist ein Trend, der die Geburtenzahl weiter reduziert. 79 Prozent aller von Schneider befragten Frauen in Wochenendbeziehungen und 55 Prozent aller Fernpendlerinnen hatten sich bewusst gegen ein Kind entschieden.

Das unterscheidet sie sehr von den mobilen Männern, bei denen "keine signifikant höhere Zahl Kinderloser" im Vergleich zu ihren "sesshaften" Geschlechtsgenossen ausgemacht werden kann. Männer auf beruflicher Achse, so Schneider, drifteten eben oft in ein extrem traditionelles Rollenverhalten, mit Frau und Kind am heimischen Herd, was für Frauen nur in Ausnahmefällen infrage kommt.

Geld allein hilft nicht

Diese Frauen würden vom Gesetzgeber bei ihren Kinderwünschen derzeit nur sehr bedingt unterstützt, meint Alexia Fürnkranz vom Vienna Institute of Demography der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Es gebe vor allem "finanzielle Anreize", Kinderbetreuungsscheck, Kinderbeihilfe, aber "keine strukturellen Maßnahmen", keine bedarfsorientierten Kinderbetreuungseinrichtung - und nur schüchterne Anfänge von Teilzeitarbeitsmodellen mit Vollzeitrückkehroption, wie Michaela Moritz von der Arbeiterkammer ergänzt: "Das seit Juli 2004 existierende Recht auf Elternteilzeit ist da ein wichtiger Anfang."

Die skandinavischen Länder seien "für die mobiler werdende Arbeitswelt weitaus besser gerüstet", ist Fürnkranz überzeugt. Im Gegensatz zu diesen werde im Umgang mit der Kinderwunschfrage in Österreich und Deutschland nämlich vorausgesetzt, "dass die Mutter so lang wie möglich ganz beim Kind bleiben soll".

Ein Blick weiter westwärts relativiere diese Sichtweise bereits. In Frankreich etwa gelte das Arbeiten mit Kleinkind als normal und richtig. Trotz zunehmenden Flexibilitätsdrucks auf dem Arbeitsmarkt habe es dort in den späten 1990er-Jahren ein "wahren Babyboom" gegeben. (DER STANDARD, Printausgabe 24./25./26.12.2005)

Von Irene Brickner
  • Immer mehr Frauen entscheiden sich zwangsläufig gegen den Kinderwunsch.
    foto: standard
    Immer mehr Frauen entscheiden sich zwangsläufig gegen den Kinderwunsch.
Share if you care.