Jan Procházka: "David und der Weihnachtskarpfen"

23. Dezember 2005, 19:04
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Karl Kardinal Lehmann: Der Autor schildert eindringlich, aber unaufdringlich, was Verantwortung, Solidarität und Verständnis bewirken

Es ist kurz vor Heilig Abend, buntes Treiben bestimmt das Straßenbild in Prag. Der kleine David und sein Vater kaufen einen großen Karpfen für das Weihnachtsmahl. Mit kindlicher Fürsorge kümmert sich der Junge um das prächtige Tier. Auf dem Heimweg legt er seinen Schal um ihn, versucht, den Fisch mit Bonbons und Plätzchen zu füttern. Und er verhandelt mit seinem Vater, einem Schulhausmeister: "Papi, du wirst ihn doch nicht töten?"

Der Vater nimmt das Anliegen seines Sohnes nicht ernst, jedenfalls noch nicht. Denn dieser ist wild entschlossen, das Leben des Karpfens zu retten. Nachts schleicht der Knirps zunächst in die Küche, um alle scharfen Messer zu verstecken. Dann geht er zur Badewanne. Dort wird das Tier vorübergehend aufbewahrt. Schließlich soll der Fisch bis zum Weihnachtsmahl frisch bleiben. David will mit dem Karpfen spielen, versucht ihn zu greifen. Der Junge zuckt zurück, das Wasser ist eisig.

Sofort lässt er wohlmeinend heißes Wasser ein. Entsetzt stellt er fest, dass der Karpfen um sein Leben kämpft. In seiner Panik holt David einen Eimer und schleift das schwere Tier bis zum Schwimmbad der benachbarten Schule. Mit letzter Kraft gelingt es ihm, den Karpfen in das Becken zu werfen. Glücklich springt er hinterher und dreht mit dem Fisch seine Runden. Die Eltern, aufgeschreckt durch den nächtlichen Lärm, vermuten Einbrecher in der Schule. Als sie begreifen, was passiert ist, eilen sie wütend ins Schwimmbad. Davids Vater ist außer sich. Muss er nun das ganze Wasser aus dem Becken lassen?

Doch bei allem Zorn ist er auch ein bisschen stolz auf seinen Sohn, der sicher und kraftvoll wie ein Fisch durch das Wasser gleitet. Genauso hat er es ihm beigebracht. Und so endet die Geschichte mit Davids schönstem Weihnachtsgeschenk: Vater und Sohn gehen gemeinsam zur Moldau und schenken dem Karpfen die Freiheit. Da passiert etwas zwischen Vater und Sohn: "In diesem Moment tragen sie das gleiche Lächeln. Ein nachdenkliches, stilles, glückliches. Ein sehr feierliches."

Es sind die leisen Zwischentöne, die die Erzählung auszeichnen. Der tschechische Autor Jan Procházka schildert eindringlich, aber unaufdringlich, was Verantwortung, Solidarität und Verständnis bewirken. Er verzichtet ganz auf den moralischen Zeigefinger.

Stattdessen beschreibt er augenzwinkernd und lebendig das mutige, zuweilen übermütige Handeln des Jungen. Das bewegt die Leser. Es ist eine Geschichte, die nachhallt und nachdenklich macht, für Kinder ebenso schön wie für Erwachsene anrührend - nicht nur zur Weihnachtszeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2005)

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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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