Hauptstadtgespräch: "In den nächsten Jahren muss ich ganz Bukarest aufbrechen"

29. Dezember 2005, 13:30
posten

Die rumänische Hauptstadt braucht eine Generalsanierung - Riesige Regenlacken, metertiefe Schlaglöcher und Verkehrsstaus

Mittag in Bukarest: Stoßstange an Stoßstange stehen die Autos in einer Gasse in der Stadtmitte. Mittendrin ein Taxi, das heißt, ein mindestens 30 Jahre alter Lada. Der Chauffeur, etwa doppelt so alt wie das Auto, werkelt unter der Motorhaube mit einem Schraubenzieher.

Jetzt, Minuten später, springt der Motor endlich wieder an, aber die Stau-Schlange hat sich während der Reparaturaktion noch keinen Millimeter bewegt. "Eines Tages zünde ich dieses Auto an, damit es fühlt wie das ist, wenn ich die Weißglut kriege", schimpft der Taxler. Die Bukarester Straßen sind zu klein für die vielen neuen, westlichen Autos. Die alten Autos - schon in der Minderheit - werden in leidenschaftlicher Hassliebe personifiziert, bevor sie doch noch repariert werden.

Mischung aus Naivität, Bosheit und Selbstironie

Und der Fahrgast ist für einen ganzen Tag glücklich, weil er den typisch Bukarester Humor genießen konnte: diese einmalige Mischung aus Naivität, Bosheit und Selbstironie. Einer, dem diesen Szene auch gefallen hätte, ist der Bukarester EU-Botschafter Jonathan Scheele. Der Brite hat allerdings kürzlich alle Bukarester mit der Feststellung beleidigt, die rumänische Hauptstadt verdiene es nicht, zu den europäischen Metropolen gezählt zu werden. Der Mann hat natürlich recht: Die Bukarester Infrastruktur ist katastrophal. Kaum regnet es ein wenig, schwappt die Kanalisation über und verwandelt die Straßen in Seen. Selbst wenn es nicht regnet, sollte man Pfützen ausweichen, weil sich darunter ein metertiefes ungesichertes Loch nach Kanalarbeiten befinden könnte. Spaziergänger sollten die Innenstadt gesenkten Blickes durchqueren, weil sie sonst Gefahr laufen, zu stolpern.

In den Plattenbausiedlungen der Randviertel sind die im Winter kahlen Bäume wie Christbäume mit Müll geschmückt, weil viele Bewohner ihre Mistkübel durchs Fenster ausleeren. Allgegenwärtig, auch in Mund und Atemwegen, ist der herbeigewehte Staub aus der südrumänischen Steppe, in deren Mitte die Zwei-Millionen-Stadt liegt. Schuld an der Verschmutzung ist nicht nur die konzeptlose Verwaltung.

Es ist der historisch gewachsene Hass der Bukarester auf ihre eigene Stadt, der sich im lieblosen Umgang mit dem öffentlichen Raum niederschlägt. Der ursprüngliche Marktflecken Bukarest wurde im 19. Jahrhundert erst auf Druck der türkischen Hegemonen Hauptstadt. Die rumänischen Fürsten schlugen hier nur ungern ihre Residenz auf und verschwanden so oft wie möglich in ihre Burgen in Gebirgsnähe. Diktator Nicolae Ceau¸sescu ließ in den 1980er Jahren dann ein ganzes Altstadtviertel abreißen ließ, um den monströsen "Palast des Volkes" zu bauen. Bürgermeister Adriean Videanu war nun zwar erbost über die Scheeles Schelte, räumte aber ein, dass Bukarest "schwer krank" sei.

Gleich nach Silvester will er die Generalsanierung der Kanalisation und des Straßenbaus im Wert von einer Milliarde Euro ausschreiben lassen. "Ich hoffe dass die Leute mich nicht verfluchen werden", meinte Videanu, "aber während der nächsten zwei Jahre muss ich ganz Bukarest aufbrechen". (DER STANDARD, Printausgabe, 24.12.2005)

Kathrin Lauer aus Bukarest
Share if you care.