Nachlese: Mit Reifen auf der Überholspur

1. März 2006, 17:44
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Zwanzig Jahre dauerte bei Matador die Umwandlung vom planwirtschaftlich agierenden Reifenerzeuger zum marktwirtschaftlichen Vorzeigebetrieb

Puchov/Slowakei – Der rauchende Schlot, fast schon anachronistisches Zeichen einer industriellen Epoche, wird demnächst fallen. Auch wenn er bei Besuchern das beliebteste Fotomotiv ist, wie Juraj Ižvolt, Chefkommunikator beim slowakischen Reifenhersteller Matador, einräumt. Doch mit solchen Zeugen der industriellen Geschichte will man sich hier, im Industriestädtchen rund 120 Kilometer nördlich von Bratislava, heute nicht mehr aufhalten. "Die Erhaltung ist zu teuer", so Ižvolt, als er Journalisten durch einige Hallen des ehemaligen Staatsbetriebes führt.

Rund 17.000 Reifen in insgesamt 500 unterschiedlichen Größen und Modellen werden hier täglich produziert. Wären nicht verschiedene Zwischenschritte zur Lagerung des jeweiligen Materialmixes notwendig, so würde die Herstellung eines Reifens unter den heutigen Produktionsbedingungen nicht mehr als 30 Minuten in Anspruch nehmen. Im Vier-Schicht-Betrieb bedienen wenige Menschen die vielen stampfenden und zischenden Maschinen. Begleitet von seltsamen Odeurs. Im zweitgrößten chemisch-pharmazeutischen Betrieb der Slowakei werden täglich rund um die Uhr LKW- und PKW-Reifen produziert, ein Teil davon im Joint-Venture mit dem Hannoveraner Reifenhersteller und Autozulieferer Continental. Geliefert wird zum Beispiel die Bereifung für die Erstausstattung eines Skoda oder eines Suzuki. Auch wenn mit diesem Geschäft laut Matador-Sprecher Dušan Koblišek nicht das große Geld zu machen ist. Zu sehr würden die Preise in diesem Segment von der Autoindustrie gedrückt: "Hier geht es darum, präsent zu sein. Wer einmal einen Matador-Reifen auf seinem Auto hat und zufrieden ist, greift auch beim Austausch danach", erläutert Koblišek die Strategie des ehemaligen Staatsbetriebes. In Zukunft soll aber vor allem die Produktion von Autoteilen mehr Gewicht bekommen.

Automotive-Sparte soll ausgebaut werden

Wer einen VW-Tuareg neueren Baujahres sein Eigen nennt oder einen Porsche Cayenne fährt, hat mit Sicherheit auch von Matador produzierte Teile (die nicht Reifen sind) an Bord. 67 Prozent des im Vorjahr erwirtschafteten Konzernumsatzes von 367 Millionen Euro werden heute noch mit den Pneus gemacht. Von den derzeit 20 Prozent, die mit der Produktion von Autoteilen erwirtschaftet werden, will man in Hinkunft allerdings - so Dušan Koblišek - auf 50 Prozent Umsatzanteil im Automotive-Segment kommen. Ein geringer Anteil des Umsatzes geht auch auf für die Reifenherstellung benötigte und selbst gebaute Maschinen zurück, die etwa nach China, Indien und Russland verkauft werden. Der Reifenhersteller beschäftigt heute an mehreren Standorten in der Slowakei, in Russland und in Äthiopien rund 5.000 Mitarbeiter und kann zufrieden sein. In der Slowakei gilt er als einer der Vorzeigebetriebe, die die Transformation von der kommunistischen Planwirtschaft zum florierenden Privatunternehmen meisterhaft geschafft haben: "Dank fähigem Management", heißt es bei den beiden Unternehmenskommunikatoren. Wie lange die Transformation gedauert habe? "20 Jahre, jetzt geht es um die Stabilisierung", so Koblišek.

Gummi mit Tradition

Der 1904 in Bratislava gegründete Gummihersteller produzierte seinen ersten Reifen 1950 in Puchov. Unter dem kommunistischen Regime wurde Matador zu Barum. "Richtig spannend war es nach der Trennung der Slowakei von Tschechien und dem ziemlich rasanten Wechsel zur Marktwirtschaft", blickt Koblišek zurück. In der ersten slowakischen Aktiengesellschaft mussten nach dem Fall des Kommunismus bis zu 5.000 Arbeitskräfte entlassen werden. Barum wurde zur tschechischen Konkurrenz und nahm Know-How und Kunden mit. Damals galt es die Produktpalette (seit 1987 betreibt der Hersteller ein eigenes Forschungszentrum), die Produktionsprozesse und die Anlagen zu modernisieren – heute ist kaum noch eine Maschine aus der Umbruchszeit im Einsatz, bis zu 80 Prozent der Reifen gehen in den Export. Unternehmenschef Stefan Rosina spann das Vertriebsnetz weiter Richtung Ungarn und Tschechien, sorgte durch Unterstützung einschlägiger Bildungseinrichtungen für den notwendigen Arbeitskräftenachschub und partizipiert kräftig am derzeitigen slowakischen Automobilboom.

Der wird noch einige Jahre andauern, ist man bei Matador überzeugt. Vor allem die Automotive Sparte soll davon profitieren, sollte sich nach VW und Hunday noch Kia ansiedeln. Der Einstieg für Arbeitskräfte beginnt bei Matador mit 250 Euro monatlich. Mit den Gewerkschaften wurde zuletzt ein jährlicher Lohnanstieg von acht Prozent für drei Jahre ausgehandelt: "Der Anstieg der Kosten ist hier rasant", begründet Juraj Ižvolt den Schritt. Rund 50.000 Menschen arbeiten in der Slowakei derzeit im weitesten Sinne in der Autoindustrie. "Wenn Kia und Citroen kommen, könnten es 100.000 werden", so Unternehmenssprecher Koblišek. (Regina Bruckner)

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Matador
  • Richtig spannend war es bei Matador nach der Trennung der Slowakei von Tschechien und dem ziemlich rasanten Wechsel zur Marktwirtschaft.
    foto: matador

    Richtig spannend war es bei Matador nach der Trennung der Slowakei von Tschechien und dem ziemlich rasanten Wechsel zur Marktwirtschaft.

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