Nachlese: Ansiedeln bei den Nachbarn

23. September 2007, 18:17
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Die Slowakei gewährt Unternehmen, die sich in strukturschwächeren Regionen ansiedeln, bis zu 40 Prozent Investitionsbeihilfe

Bratislava – Die slowakische Hauptstadt Bratislava (deutsch Pressburg) und ihr Umland werden von ausländischem Kapital durchdrungen. Der Flughafen wird eben privatisiert – Wien gilt derzeit als Höchstbieter - der Hafen soll verlegt werden, neue Gebäude schießen aus dem Boden. Zweifelsohne, die rund 425.000 Einwohner zählende Stadt boomt und der Besucher kann es sehen. Das Bruttoregionalprodukt der Region Bratislava liegt immerhin bei schon 92 Prozent des EU-Schnitts, vor dem Burgenland, knapp hinter Niederösterreich. Nur Wien liegt mit 152 Prozent deutlich darüber. Weiter gehen soll es nicht ganz so rasant, so Bratislavas Primator – wie sich der Oberbürgermeister nennt - Andrej Ïurkovský: "Wir wollen nicht ungebremst weiter wachsen". Worauf man hier verstärkt setzen will: "Kultur und Tourismus".

Ost- und Zentralslowakei bleiben schwach

Dennoch werden gerade auch von Unternehmen die wohlhabende Hauptstadt und der Westen angesteuert, während die historisch strukturschwächeren Regionen im Osten und in der Zentralslowakei weiterhin mit Arbeitslosenquoten um die 25 Prozent und bemerkenswerter Armut kämpfen. Rund 80 Prozent der Österreicher, die den Schritt über die Grenze wagten, haben ihre Niederlassung im wirtschaftlich boomenden Teil der Slowakei gegründet. Um nun auch die strukturschwächeren Zonen an der insgesamt florierenden Wirtschaft teilhaben zu lassen, nimmt die Regierung mehr als 1 Milliarde Kronen (rund 26 Mio Euro) in die Hand: "Um Unternehmen zur Ansiedelung zu bewegen, aber auch als Unterstützung für heimische Firmen", erläuterte die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium Eva Šimková den eingeladenen ausländischen Journalisten. Vor allem Unternehmen aus der Hightechbranche, Logistiker oder Biotechnologiefirmen will man verstärkt ins Land holen. Bis zu 40 Prozent der Investitionen – je nach Anzahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze und je nach Zone - sollen ansiedelungswilligen Unternehmen gewährt werden, so Šimková. In Form von Bargeld für die Infrastruktur oder als Steuernachlass für die Qualifizierung der Arbeitskräfte.

"Zu einer Ansiedelung in der Slowakei kann ich nur raten", sagt Außenhandelsdelegierter Konstantin Bekos zu derStandard.at "und das hängt nicht von der Unternehmensgröße ab." Rund 1.700 heimische Unternehmer haben bis jetzt den Schritt über die Grenze gewagt. "Da gibt es noch großes Potenzial", so Bekos. Insgesamt hätten viel zu wenige - eine Hand voll, um am Automobilboom zu partizipieren, und verstärkt die Transportbranche - die Gelegenheit ergriffen, um eine Filiale in der Slowakei zu errichten. "Dabei ist das der beste Weg, den ersten Schritt in Sachen Osterweiterung zu tun." Bekos zählt die bekannten Vorteile auf: Das Wirtschaftswachstum, das Lohnniveau das derzeit bis zu 70 Prozent unter jenem in Österreich liegt und die ausgezeichnet ausgebildeten Arbeitskräfte: "Und die Menschen denken ähnlich wie die Österreicher".

Steuerreform Vorreiter

Die Slowakei gilt mit ihrer Einheitssteuer (Flat Tax) von 19 Prozent als internationaler Steuerreform-Vorreiter. Das 1993 von Tschechien abgespaltene Land hat damit den niedrigsten Spitzensteuersatz der Europäischen Union. Im Unterschied zu anderen Ländern wie Russland, Rumänien oder der Ukraine, die ähnliche Reformen durchführten, hat die Slowakei alle Ausnahmeregelungen und Abschreibemöglichkeiten abgeschafft. Federführend bei der Einführung am 1. Jänner 2005 war Finanzminister und Vizepremier Ivan Mikloš. Über die Auswirkungen des umstrittenen Reformwerks gibt es unterschiedliche Ansichten.

Ob und wie viele Firmen die Steuerreform etwa zum Anlass für einen Umzug in die Slowakei nahmen, darüber gibt es keine Zahlen. Oppositionspolitiker, aber auch Staatspräsident Ivan Gašparovic haben wiederholt darauf hingewiesen, dass ausländische Firmen "nicht wegen irgendwelcher Reformen" ins Land kämen, sondern weil die slowakischen Löhne zu den niedrigsten der EU gehören. Der Durchschnitt beläuft sich auf 400 Euro. Während aber Regionen wie Bratislava in Sachen Lohnniveau nahezu Österreich-Niveau erreichen, beginnt etwa der Einstieg in der Puchover Autoindustrie bei rund 250 Euro (und erreicht je nach Qualifikation und Dauer eines Arbeitsverhältnisses bis zu 500 Euro). "Fünf Jahre wird das Lohnniveau noch in dieser Größenordnung bleiben", glaubt Bekos. "Für jemanden, der unternehmerisch seine Fühler ausstrecken möchte ausreichend Zeit."


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Wien hat gemeinsam mit Bratislava eine "Überregionale Beschäftigungsstrategie" ins Leben gerufen, um Firmen dabei zu helfen, Standortvorteile zu lukrieren. Pilotprojekte wie ein Lehrlingsaustausch sind schon gestartet. (Regina Bruckner)

  • Bratislava boomt und zieht ausländisches Kapital an. Mithilfe von Förderungen sollen Unternehmen auch in die Zentralslowakei und in den Osten gelockt werden.
    foto: www.bratislava.sk

    Bratislava boomt und zieht ausländisches Kapital an. Mithilfe von Förderungen sollen Unternehmen auch in die Zentralslowakei und in den Osten gelockt werden.

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