Italienische Regierung will Privatisierungskönig als Notenbankchef

25. Dezember 2005, 12:29
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Italiens Privatisierungskönig Draghi soll der angekratzten Zentralbank ein neues Image verleihen

Rom - Die italienische Regierung will den Vizepräsidenten für Europa von Goldman Sachs, Mario Draghi, zum Nachfolger des am Montag zurückgetretenen Notenbankchefs Antonio Fazio ernennen. Nach Angaben der Mailänder Wirtschaftszeitung "Sole 24 Ore" soll Draghi, ehemaliger Staatssekretär im römischen Finanzministerium, vom Aufsichtsrat der Zentralbank Anfang Jänner den Auftrag erhalten.

Regierung und Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi müssen danach Draghis Designierung Grünes Licht geben. Laut italienischen Medien ist auch die Opposition mit dem Namen des Wirtschaftsexperten einverstanden.

Ausgebildet in Italien und am Massachusetts Institute of Technology, mit Stationen als Wirtschaftsprofessor und als Exekutivdirektor des Internationalen Währungsfonds von 1984 bis 1990, war der 58-jährige Draghi in den vergangenen Jahren Drahtzieher der großen Privatisierungskampagne, die Italien ab Beginn der Neunziger Jahren durchgeführt hat. Zwischen 1991 und 2001 bekleidete Draghi den Posten des Generaldirektors im Schatzministerium und leitete die Veräußerung großer staatlicher Unternehmen wie die Telefongesellschaft Telecom Italia und der Autobahnkonzern Autostrade in die Wege. Unter seiner Leitung wurde auch die riesige Staatsholding IRI aufgelöst. Draghi baute im Ministerium eine Abteilung von Spezialisten in Privatisierungen auf, die heute auch mit Investmentbanken mithalten kann.

Graue Eminenz

In zehn Jahren in der Schlüsselposition des Schatzministeriums erlebte Draghi zehn Regierungen und sieben verschiedene Schatzminister. Der Generaldirektor wurde damit zur "grauen Eminenz", gleichzeitig auch zum Garanten für die Kontinuität von Reformen. Zuletzt war Draghi maßgeblich beteiligt an einer Reform des italienischen Unternehmensrechts, etwa mit neuen Regeln für die Übernahme börsennotierter Gesellschaften, mit einem Gesetz, das in Italien nach ihm einfach "Lex Draghi" genannt wird.

2001 wechselte Draghi zu Goldman Sachs als Vizepräsident für Europa. Die italienische Situation hat er stets unter Kontrolle gehalten. Als im vergangenen September der damalige Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco das Handtuch geworfen hatte, war Draghi als möglicher Nachfolger im Gespräch. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi bevorzugte ihm jedoch seinen Vertrauten Giulio Tremonti. Jetzt hat Draghi die große Chance, die Führung der Notenbank zu übernehmen, deren Image nach dem Skandal um Fazio stark angekratzt ist.

Fazio war zurückgetreten, nachdem die Mailänder Staatsanwaltschaft gegen ihn Ermittlungen wegen Insiderhandels aufgenommen hat. Fazio wird seit Monaten vorgeworfen, im Übernahmekampf um die Banca Antonveneta die italienische Bank Popolare Italiana (BPI) gegenüber der niederländischen Bank ABN Amro bevorzugt zu haben. In den vergangenen Tagen hatte sich die Affäre zugespitzt: Vergangene Woche hatte die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien eröffnet. Am gleichen Tag verhaftete die Staatsanwaltschaft Gianpiero Fiorani, den früheren Chef der BPI.

Draghi wird zum ersten Notenbankchef aufrücken, der nicht lebenslänglich, sondern nur noch sechs Jahre mit Option auf eine Mandatsverlängerung im Amt bleiben wird. Die Regierung Berlusconi gewann am Donnerstag nämlich die Vertrauensfrage über eine Reform der Notenbank, die die Amtszeit des Gouverneurs einschränkt. Die Reform der Notenbank ist in einem Gesetz zum Anlegerschutz enthalten, das am Donnerstag ebenfalls das Grüne Licht des Parlaments erhalten hat. (APA)

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