Ein Haus für die Ärmsten in Hostice

27. Dezember 2005, 09:10
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Roma-Bürgermeister und Ex-Bettler in Graz übergibt zwölf ärmsten Roma-Familien in ostslowakischem Dorf ein Wohnhaus

"Herbergssuche beendet": Der Roma-Bürgermeister des ostslowakischen Dorfes Hostice, der vor einigen Jahren noch in Graz bettelte, übergibt den zwölf ärmsten Roma-Familien ein Wohnhaus.

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Hostice/Graz - "Bis vor Kurzem habe ich in Hostice noch nie lachende Gesichter gesehen", berichtet der Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher, der wegen seines Einsatzes für Obdachlose und Roma auch "Armenpfarrer" genannt wird, von der Hauseinweihung in Hostice in der Ostslowakei. Doch in den vergangenen Tagen empfangen den Leiter der karitativen Vereinigung Vinzenz-Gemeinschaft Eggenberg "strahlend lachende Gesichter". Grund dafür ist die Fertigstellung eines Wohnhauses für die ärmsten Roma des 800-Menschen-Dorfs Hostice. Zwölf Familien konnten nun einziehen und "sind dankbar und freuen sich", erzählt die Dolmetscherin Szuszanna Kovacs, eine Bewohnerin. In Hostice leben überwiegend zwei Minderheiten, Ungarn und Roma.

Ex-Bettler in Graz

Bemerkenswert ist jedoch der Initiator des Hausbaus. Der Bürgermeister von Hostice, Ondrej Berki, war vor Jahren Bettler in Graz. Nach der Durchführung der "Bettler-Verordnung", die 1996 in Graz Aufsehen erregte und die Bettler von den Straßen vertrieb, kamen viele Menschen von Hostice in die Steiermark - um zu betteln, denn Graz hatte durch die Initiative von FPÖ und ÖVP ab Dezember 1996 keine einheimischen Bettler mehr. Pfarrer Pucher bekam mit, dass sie in öffentlichen Toiletten schliefen und kümmerte sich darum, dass sie in der Notschlafstelle Vinzi-Nest oder in Pfarren untergebracht wurden.

"Die Roma sind nach 500 Jahren Verfolgung kein Volk, das Initiativen setzt", sagt Michael Bachler, Koordinator der Vinzenz-Gemeinschaft. Umso wichtiger war es, Spenden aufzustellen, in Summe 30.000 Euro, die die slowakischen Förderstellen nicht aufbringen konnten. Im August 2005 kam es zum Spatenstich. Am Mittwoch, drei Tage vor Weihnachten, sind die ersten Bewohner eingezogen.

Viele der Slowaken in Hostice, besonders Roma, sind arbeitslos und beziehen Sozialhilfe. Bürgermeister Berki hat, indem er die Erbauung des Vinzi-Dom (Vinzi-Haus) initiiert hat und somit einen Treffpunkt für das Dorf geschaffen hat, für Hostice viel getan, meinen die Bewohner. "Mehr als je ein slowakischer oder ungarischer Bürgermeister zuvor."

Auch das Vinzi-Dom wurde von Spenden der Vinzi-Gemeinschaft finanziert, nach dem Motto: "Keine Almosen, aber Initiativen". Nun bemühen sich aber ehrenamtliche Mitarbeiter aus dem Dorf, Geld für Projekte aufzustellen. Sie haben beispielsweise organisiert, dass ein Gynäkologe nach Hostice kommt - für die meisten Frauen war es die erste Untersuchung.

"Es ist ein besonders schönes Zeichen, dass jetzt vor Weihnachten die Herbergssuche für die Ärmsten Ihrer Ortschaft so erfolgreich war", gratulierte Ondrej Berki auch der österreichische Botschafter in Bratislava, Martin Bolldorf. (Marijana Miljkovic, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Dezember 2005)

  • Innerhalb kürzester Zeit wurde das Wohnhaus in Hostice fertig gestellt, in das nun kurz vor Weihnachten die zwölf ärmsten Roma-Familien eingezogen sind.
    foto: vinzenzgemeinschaft eggenberg

    Innerhalb kürzester Zeit wurde das Wohnhaus in Hostice fertig gestellt, in das nun kurz vor Weihnachten die zwölf ärmsten Roma-Familien eingezogen sind.

  • "Armenpfarrer" Wolfgang Pucher weihte das Haus ein, das der Bürgermeister von Hostice, Ondrej Berki, mithilfe der Bewohner und Spenden heuer gebaut hat.
    foto: vinzenzgemeinschaft eggenberg

    "Armenpfarrer" Wolfgang Pucher weihte das Haus ein, das der Bürgermeister von Hostice, Ondrej Berki, mithilfe der Bewohner und Spenden heuer gebaut hat.

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