Die Angst vor der nächsten Flut

28. Dezember 2005, 13:37
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Am 26. Dezember jährt sich die verheerende Bebenkatastrophe im Indischen Ozean - die Tsunami-Gefahr ist heute größer denn je

Potsdam/Wien - In drei Tagen, am 26. Dezember, jährt sich erstmals die Flutkatastrophe rund um den Indischen Ozean mit etwa 250.000 Toten. Die Tsunami-Gefahr ist nach Analysen des Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel heute aber größer denn je.

Wilhelm Weinrebe und Team haben mit Sonar den Meeresboden abgetastet. Vor Sumatra fällt er auf 5000 Meter Tiefe ab. Darunter schiebt sich die australische Platte. Gesteine verzahnen sich, große Spannungen entstehen. In letzter Zeit konnte sich der Druck nicht abbauen, fanden die Kieler Forscher: Sie entdeckten keine Spuren größerer Erdstöße. Ein schweres Seebeben sei daher fällig.

Weitere Warnung

Vor einer neuen Katastrophe warnt auch US-Geologe Kerry Sieh vom California Institute of Technology. Er hat die Küste Indonesiens auf frühere Beben hin untersucht: Südlich der beiden Herde vom 26. Dezember und 28. März hat es auf tausende Kilometern seit Jahrhunderten kein Starkbeben mehr gegeben. Die Plattengrenze sei beim Tsunami-Beben und dem Nachbeben nur zu einem Viertel aufgerissen, das Gestein im übrigen Bereich daher zum Bersten gespannt. Die beiden Beben hätten den Druck sogar erhöht - um vier Bar. So stark erhöht sich die Spannung normalerweise bei Plattenbewegungen in mindestens 50 Jahren. Die "Erdbebenuhr" habe sich mit einem Schlag deutlich auf die nächste Katastrophe hin bewegt, sagt Sieh.

Padang in Gefahr

In höchster Gefahr schwebt die nördlich der Bebenzone gelegene Millionenstadt Padang. Minuten nach einem schweren Seebeben könnten zehn Meter hohe Tsunamis die teils unter Meeresspiegel gelegene Stadt verwüsten. In den vergangenen Wochen probte die Bevölkerung den Ernstfall mit neuem Evakuierungsnetz. Ein Team um Jörn Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam errichtet derzeit ein Frühwarnsystem: Seit einem Monat tanzen zwei Testbojen auf den Wellen vor der Küste Indonesiens. Sie sollen gefährliche Schwankungen des Wasserspiegels aufspüren - viele Experimente stehen noch bevor. Auch die ersten von 40 geplanten Erdbebenmessgeräte wurden installiert. Doch erst in zwei Jahren kann binnen zwei Minuten die Stärke eines Seebebens gemessen werden. Zudem kartierte eine internationale Forschungsflotte Küstenabschnitte des Ozeans. Mit den Daten werden Computer gefüttert, die die Ausbreitung künftiger Tsunamis binnen Minuten vorhersagen können.

Das Gros der betroffenen Küstenanrainer treibt den Wiederaufbau voran. Nicht so die indisch verwaltete indigene Bevölkerung der Nikobaren: Die Inselgruppe war von 1778 bis 1783 österreichische Kolonie. Laut Humanökologen Simron Jit Singh (Uni Klagenfurt), der die Nikobaren seit 1999 beforscht, lebten die vom Tsunami schwer getroffenen Indigenen weiter in blechernen Flüchtlingslagern im Inselinneren. Das Interesse Indiens an den teils schwer zugänglichen Stämmen sei gering. Mangels schriftlicher Dokumente und durch den Tod vieler älterer Menschen, die die Tradition der Nikobaresi an jüngere weitergaben, drohe diese Kultur verloren zu gehen. In seinem Bild- und Textband Die Nikobaren. Das kulturelle Erbe nach dem Tsunami (Hg. Oliver Lehmann, Czernin Verlag) hat er bisherige Erkenntnisse seiner Forschungen gesammelt. (boja, fei, DER STANDARD, Print, 23.12.2005)

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    Verlorene Kultur der Nikobaren nach der Flut: Statt wieder in traditionellen Dörfern lebt die indigene Bevölkerung heute noch in Blechhütten.

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