Kopf des Tages: Schülerrebell und harter Gewerkschafter

22. Dezember 2005, 18:43
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Gewerkschaftspräsident Roger Toussaint drohte sogar das Gefängnis

Bedeutet viel Feind tatsächlich viel Ehr, dann ist Roger Toussaint derzeit wahrscheinlich der ehrenwerteste Mann in New York. Die Reihe seiner Widersacher reicht von Bürgermeister Michael Bloomberg über die Medien ("Ihr Ratten" titelte die New York Post) und der Spitze der eigenen Gewerkschaft bis zu den rund sieben Millionen Menschen, die normalerweise täglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.

Mehr als zwei Tage streikten die rund 36.000 Mitglieder der Ortsgruppe der US-Transportarbeiter- Gewerkschaft, ehe die Gespräche über einen neuen Tarifvertrag wieder aufgenommen wurden. Gewerkschaftspräsident Toussaint drohte sogar Gefängnis. Was für ihn aber keine neue Erfahrung gewesen wäre.

Mit 17 Jahren war der am 7. November 1956 in Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad, geborene Gewerkschaftsführer das erste Mal in Haft. Der Grund: Er beschrieb die Wände seiner Schule auf der Karibikinsel mit aufrührerischen Sprüchen. Zu einem Prozess kam es allerdings nicht, der mit sechs Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Touissant emigrierte 1974 in die USA.

Nach 18 Monaten begann er als Schweißer in einer Schiffswerft im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu arbeiten, im Jahr 1984 wechselte er als Reinigungskraft zur "Metropolitan Transport Authority", dem Betreiber der Öffis im "Big Apple". Es folgten 13 Jahre als Gleisarbeiter, ehe er 1998 nach der Rückkehr aus dem Krankenstand entlassen wurde. Begründung: Er habe während der Rekonvaleszenz nach einem Arbeitsunfall sein Haus mehrmals unerlaubt verlassen, um Gewerkschaftsarbeit zu betreiben. Ein Rechtsstreit folgte, ehe er vor vier Jahren wieder eingestellt wurde - da war er schon Gewerkschaftspräsident.

In einer Kampfabstimmung hatte sich der fünffache Vater nämlich im Dezember 2000 durchgesetzt - sein Argument, der Amtsinhaber sei zu weich gegenüber dem Arbeitgeber, überzeugte die Mitglieder. Als eine der ersten Maßnahmen im neuen Amt kürzten Toussaint und seine Präsidiumskollegen ihre eigenen Honorare um 25 Prozent.

In der Zwischenzeit ist das Verhältnis zu seinen Mitstreitern an der Gewerkschaftsspitze abgekühlt: Im Jänner klagten fünf der sieben Vizepräsidenten Toussaint wegen Unterdrückung der Redefreiheit und seiner Weigerung, offene Versammlungen zuzulassen.

Als streit- und streiksüchtiger Dickkopf will der 49-Jährige aber nicht gelten. Er sieht sich als Vorkämpfer für die gesamte US-Mittelschicht, die vom "rechten Flügel im Land" bedroht werde. Führen will er diesen Kampf aber weiter nur als Gewerkschafter - die Kandidatur für ein politisches Amt sei ihm nie in den Sinn gekommen und werde es auch nie, beteuerte er wenige Tage vor dem Streikbeschluss. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Dezember 2005)

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