Stelldichein der Neuheiten

27. Dezember 2005, 13:18
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Weihnachtliche Uraufführungen im Wiener Schönberg Center

Wien - Altmeister Sergiu Celibidache frohlockte zu früh, als er Schönbergs kompositorisches System mit dem kommunistischen verglich und beider Zusammenbrechen konstatierte. Im Schönberg Center gab's mal wieder keinen freien Platz mehr - für das dort in Residence wirkende Ensemble Wiener Collage entwickelte Regisseurin Nadja Kayali ein "surreales Weihnachtskonzert", mit dem bedrohlichen Titel Jeder "Tag ist Weihnachtstag".

Den musikalischen Rahmen bildeten Schönbergs "Weihnachtsmusik" und Wladimir Pantchevs "Kóleda", den halbszenischen Rahmen eine Geschichte um Buchhalter Josef Navratil und seine Schwester Johanna von August Strindberg. Schönbergs "Weihnachtsmusik", entstanden vermutlich für den privaten Freundeskreis 1921, hebt sich mit ihren bitonalen Anklängen und schmeichelnden Liedzitaten vom harten Weg Richtung Zwölftontechnik ab.

Mit Wachheit und großer Geistesgegenwart, dabei kunstvoll, keinesfalls künstlich, brachte René Staar, Leiter und Gründer des Ensemble sowie programmverantwortlich, das protestantische Gemeindelied "Es ist ein Ros' entsprungen" mit dem aus dem katholischen Raum stammenden "Stille Nacht" zusammen.

Fast sämtliche Werke, Auftragswerke des Ensembles, wurden hier erstmals präsentiert. Peter Androschs "Helenenmusik", Ramon Lazkanos "Wintersonnenwende", Zdzislaw Wysockis "Musica di natale" oder Alexander Shchetinskys "Christmas Tunes" klangen durchaus breitwandtauglich, mit kräftigem Strich, weit gefasstem Bogen und massiertem Klang. Nicht wie die allerletzte Suche nach der blauen Blume der Romantik. Erik Freitags "En svensk jullegend", Wladimir Pantchevs "Kóleda" und René Staars "60 mal S. G." waren vieldimensional schillernde Übungen in musikalischer Emanzipation. Den Kompositionen von Antonio Chagas Rosa, Sidney Corbett und Gerald Resch waren Texte zugeordnet, Jennifer Davison und Albena Naydenova gestalteten diese glutvoll nach. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2005)

Von Beate Hennenberg
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