Professor Sauerbruch im Musenhain

29. Dezember 2005, 16:48
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Liebe mit Nonsens: Heimkehr des Starregisseurs Christoph Marthaler an die Berliner Volksbühne mit "Die Fruchtfliege"

Mit einem schnurrigen Abend über die Wonnen der Liebe feiert Starregisseur Christoph Marthaler seine Heimkehr an die Berliner Volksbühne: Der musikalische Nummernabend "Die Fruchtfliege" zeigt ein merkwürdiges Panoptikum des seligsten Nonsens.


Mit üppigem Jubel wieder ans ruppige Berliner Herz gedrückt sieht sich der Theatermacher Christoph Marthaler, 51, an Frank Castorfs Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Hier gelang dem Schweizer Musiker und Regisseur bereits 1993 mit Murx den Europäer ein großer komischer Wurf.

Über zehn Jahre immer ausverkauft, wurde sein DDR-Requiem mit Gesang zum Dosenöffner für Arbeiten auch in Wien und Salzburg, Basel und Brüssel, in der Oper und im Schauspiel – stets in spezifisch eigener Strickart. Beim Berliner Theatertreffen war er Dauergast. Berlin freut sich auf ihn auch nach einer missglückten Intendanz in Zürich und einem nicht minder verfehlten Bayreuth-Debüt mit Richard Wagners Tristan und Isolde, denn am Rosa-Luxemburg-Platz ging es in letzter Zeit eher freudlos, glücklos, vor allem aber humorlos zu.

Der schnurrige Titel Die Fruchtfliege verweist auf die Bezüge des sich schnell in tausend Arten vermehrenden Insekts zum allgemeinen Verkümmern und Verkorksen des Liebeslebens. Biopolitik und Liebe aber sind für Marthaler und sieben Forscher auf der Bühne das Gebot der Stunde. Noch wichtiger aber ist der Hinweis auf dem Programmzettel, dass alle Texte weitgehend frei erfunden sind. Die Dramaturgie stammt wie gewohnt von der letztjährigen Festwochen-Schauspielchefin Stephanie Carp. Die pseudowissenschaftliche Clownerie, das augenzwinkernde Feixen mit Raum und Zeit, das Spiel mit einem Musikmix zwischen Mozart, Verdi und Puccini, Richard Strauss und Richard Wagner, Berlioz und Liszt, Schubert und Schumann, mit Karel Gott als Solist bei Chopin, der Wunschkonzert-Spagat zwischen Schönberg und Strawinsky zu Andrew Lloyd Webbers Musical-Watte sind ein Bogen, der über zweieinhalb pausenlose Stunden nicht immer gespannt bleibt.

Das halb-mysteriöse Geschehen der sieben, zunächst mit Fliegenaugen agierenden Forscher, die auch Insassen eines Altenheims für abgehalfterte Opernsänger sein könnten, ist voll kurioser Überraschungen. Anna Viebrocks Raum, inspiriert von Chor- und Garderoberäumen der alten Pariser Oper und wilhelminischen Schul- und Uni-Gemeinschaftsräumen, ist Spiel- und Kampfplatz seltsamer Typen.

Das Fähnlein der so gar nicht gloriosen sieben Schwaben auf der Jagd zwischen Fruchtfliegen, Genomen und Chromosomen ist in steifer, altmodischer Umgangsform aneinander gekettet, in List und Hinterlist verbunden, in Liebe und unbeholfenem Flirt miteinander verquickt. Trinkt gemeinsam Milch, kontrolliert die Reagenzgläser auf den Regalen und singt ohne Unterlass, von Stefan Wirth am Flügel souverän animiert.

Bettina Stucky gebietet über fülligen Sexappeal. Oliva Grigolli wird unglücklich verehrt von Matthias Matschke. Der bringt mit wildem Haar und immer wieder wütend zertretenen Geigen einen Hauch von Albert Einstein ins Geschehen, in dem auch nach Professor Sauerbruch gerufen wird.

Eiskaltes Händchen

Susanne Düllmann markiert nicht nur Marlene Dietrich, wenn die sich was wünschen könnte. Sie ist auch Mimi aus Giacomo Puccinis La Bohème, deren eiskaltes Händchen Winfried Wagner wärmen will.

Darüber hinaus geht's aber auch am Boden, im Kasten oder im hohen Wandschrank durchaus zur Sache, die Menschen und Fruchtfliege verbindet. Der skurrile Ueli Jäggi sucht seine Liebesglück ebenso wie der voluminöse Jens Ostendorf, den in weitem Nachthemd Strawinskys Sacre du Printemps auf die Spitze treibt. Auch Marthalers Bayreuth-Flop mit Tristan und Isolde wird noch erkennbar aufgearbeitet.

Das Liebespaar wird durch zwei ineinander verschlungene Mäntel symbolisiert und zu Wagners Klängen in einer Art Glasmausoleum feierlich bestattet. Nach dem Sinn dieses ganzen Treibens aus akademischem Unsinn und wahrlich nobelpreisverdächtigem Blödsinn fragt hernach niemand. Es wird endlich ausgiebig gelacht und applaudiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2005)

Lorenz Tomerius aus Berlin
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