Ein Intimbereich der Hochkultur

27. Dezember 2005, 12:31
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Zur Frage der Spitzengagen im Kultursektor anhand einer Debatte in Deutschland

Im Unterschied zu den hier zu Lande im finanziell immer stärker versteppenden Bereich der Kulturpolitik werkenden Damen und Herren ließ kein Geringerer als Deutschlands Bundespräsident Johannes Rau schon vor zwei Jahren bei seiner Eröffnungsrede zum Kongress der Stiftung "Bündnis für Theater" mit folgendem Satz aufhorchen:

"Weil der Kuchen, der zu verteilen ist, nicht mehr ständig wächst, muss auch über Spitzengehälter und Spitzengagen gesprochen werden." Damit formulierte Rau nur deutlicher, was Deutschlands jetziger Innenminister Wolfgang Schäuble schon im Juli 1999 beim von CDU und CSU veranstalteten Zukunftsforum Kulturpolitik noch ziemlich nobel angedeutet hatte:

"Kulturelles Schaffen blüht immer nur, wenn es einer Gesellschaft wert ist, sich einen gewissen Überfluss an Zeit und Geld zu leisten. Wenn ich mir die Spitzengagen einiger Künstlerstars anschaue, scheint mir der Überfluss jedoch manchmal missverstanden worden zu sein."

Und wenn sich der vormalige Chef von Daimler-Benz, Edzard Reuter, mit der Feststellung hören lässt, dass es eine "Dummheit" sei, sich "einfach der menschlichen Gier hinzugeben und zu scheffeln und zu scheffeln", muss er eigentlich wissen, wovon er spricht. Die in manchen Chefetagen bezahlten Millionengehälter für Vorstände sind nach seiner Meinung "nicht nur unmoralisch, sondern ethisch überhaupt nicht begründbar".

Im Fall von Edzard Reuter wird es wohl auch sehr schwer fallen, seine Äußerungen und seine Forderung nach einer freiwilligen oder durch die Gesetzgebung vorgeschriebenen Deckelung von Spitzenverdiensten als gleichmacherische Parole der in solchen Diskussionen rasch beschworenen Neidgenossenschaft zu bezeichnen.

Dass Deutschlands Justizministerin Brigitte Zypries in einer Reaktion auf Reuters Ausführungen staatliche Eingriffe in wuchernde Gehaltsstrukturen immerhin für "vorstellbar" hält, lässt jedenfalls erwarten, dass sich diese Debatte in absehbarer Zeit noch intensivieren wird.

Wie schön, dass sie in Österreichs stets zur biedermeierlichen Idylle neigenden Kulturlandschaft noch nicht einmal begonnen hat. Ob man sich um diese schon lange fällige Diskussion – vor allem bei anhaltender Finanzdürre – auf die Dauer herumdrücken wird können, ist kaum zu erwarten. Denn bei allem Verständnis für Diskretion, Datenschutz, Recht auf Eigentum und was sonst noch alles zur Verteidigung kulturfiskalischer Geheimkrämerei angeführt werden kann, eines steht fest:

Das gute Geld, das da gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt an Spitzengagen bezahlt wird, stammt in fast allen Fällen zur Gänze oder zu einem hohen Prozentsatz aus Steuermitteln. Also hat der Steuerzahler selbstverständlich auch das Recht auf die Information über die Höhe der ausbezahlten Gagen und auch über die Argumente, mit denen diese gerechtfertigt werden.

Nur die Rituale, die diese Ausschüttungen begleiten, zeugen von erheblichem Anachronismus. Man weiß, was der Herr Bundeskanzler verdient, man trauert um die Bezüge so mancher seiner Minister, man kennt die Apanagen und sonstigen Entschädigungen der Damen und Herren Abgeordneten, und auch die Gehälter der Beamten aller Klassen sind heute kein Geheimnis mehr.

Allein der künstlerische Bereich hat sich zu einem von der Allgemeinheit mit überwiegend wohlwollender Ignoranz geduldeten Reservat entwickelt, in dem finanzielle Entscheidungen von nicht unerheblichem Ausmaß unter in den meisten Fällen peinliche und für eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft geradezu kompromittierende Kriterien fallen.

Allein der berufliche Lebenslauf der meisten für derlei Vertragswerke zuständigen Politiker lässt schon erkennen, dass sie zu einer auch nur einigermaßen stichhältigen Beurteilung ihres Gegenübers und der von diesem vorgetragenen Pläne nicht in der Lage sind.

So reduzieren sich die Formanten des Vertrages und der letztlich ausgefeilschten Gagenhöhe meist auf das Geschick, mit dem sich ein Kandidat verkaufen kann oder wie gut er es versteht, sich seinen kulturpolitischen Partner – mitunter auch durch lobbyistische Vorarbeit in den Medien oder in einflussreichen Gesellschaftskreisen – gewogen zu machen. Wenn gar nichts hilft, bleibt noch die ebenfalls gern genutzte Möglichkeit, den Kulturpolitiker oder ein kulturpolitisches Gremium durch öffentlich geäußerte Zweifel an dessen Kompetenz zur erwünschten Willfährigkeit einzuschüchtern.

Eine Emanzipation der österreichischen Kulturpolitik gegenüber tatsächlichen und selbst ernannten Stars ist ebenso wenig zu erwarten wie eine Revision der Bezüge, wie sie jenseits des Kunstgeschehens im Verwaltungsbereich tätige Gagenbojaren kassieren.

So wäre es eigentlich eine lohnende Aufgabe der gerade im Fall von Normierungen so entscheidungsfreudigen Brüsseler EU-Kommission, ein europaweit gültiges Regulativ für die Festlegung von Spitzengagen auszuarbeiten. Dass es sich dabei nicht um ein starres Gehaltsschema handeln muss, sondern um eine durch diverse Variablen an die speziellen Bedingungen und jeweiligen Aufgabenstellungen anpassbare Grundstruktur, versteht sich von selbst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2005)

Von Peter Vujica
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