Erste Kristallschleiferei des Mittelalters in Köln entdeckt

24. Dezember 2005, 19:30
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Der "weltweit bisher einzigartige Fund" stammt aus dem 12. Jahrhundert

Köln - Bei Ausgrabungsarbeiten in Köln sind Archäologen erstmals auf die Relikte einer mittelalterlichen Kristallschleiferei gestoßen. Bisher seien vergleichbare Werkstätten, in denen Bergkristall, Jaspis oder Topas zu kostbaren Kunstwerken verarbeitet wurden, lediglich aus der Literatur dieser Epoche bekannt gewesen, sagte der Kölner Archäologe Markus Trier am Donnerstag der dpa. Die Entdeckung der Werkstatt aus dem 12. Jahrhundert, die ganz offensichtlich im Schatten der Domtürme im Auftrag von Kirche und Erzbischof gearbeitet hat, sei "eine Sensation für die Mittelalter-Archäologie" und ein "weltweit bisher einzigartiger Fund", betonte Trier.

Geschliffen wurden hier vor allem Kristalle, die zur Zierde von Kreuzen, Stäben, Reliquiaren oder Bucheinbänden genutzt wurden. Zentren der damaligen Kristall-Bearbeitung seien Paris, Venedig und die Rhein-Maas-Region gewesen. Der Fund soll nach wissenschaftlicher Bearbeitung bei der Ausstellung "Canossa - Erschütterung der Welt" im kommenden Sommer in Paderborn (21. Juli bis 5. November) erstmals öffentlich gezeigt werden.

Fund eines Handwerkerviertels

Bei der Ausgrabung zum Kölner U-Bahnbau seien die Wissenschafter etwa fünf Meter unter dem heutigen Straßenpflaster auf ein mittelalterliches Handwerkerviertel gestoßen, schildert Ausgräber Trier. Rund um eine Grube, über der ehemals auf einem Rost aus Holzbalken die Schleiftische der Handwerker gestanden haben, konnten rund 60 000 Kristallsplitter geborgen werden. Diese Kristallstückchen verschiedener Größen seien als Abschlag der großen Werkstücke vor dem eigentlichen Schleifen entstanden. In der Grube, in der sich der Schlamm vom Schleifvorgang unter fließendem Wasser sammelte, lagen die Reste von zwei typischen kleinen Hämmern und zerschlagene Schleifsteine; die Werkstatt-Latrine gab eine Bergkristall-Perle von der Größe eines Daumennagels frei.

Die Kristallschleiferei und das Handwerkszeug sei der Forschung aus den akribischen Beschreibungen des mittelalterlichen Mönchs Theophilus Presbyter bestens bekannt, erklärte Markus Trier. Alle Details hätten mit den Ausgrabungsfunden verblüffend exakt übereingestimmt: "Wir können fast sagen, er hat diese Werkstatt besichtigt." (APA/dpa)

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