Musik für blaue Stunden

29. Dezember 2005, 16:21
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Eine Musikrundschau mit vier melancholischen Alben

GLOOMY AFTERNOON - THE MAGIC OF MELANCHOLY
Various Artists
(Universal)
Lässt sich die Schwere eines Novembernebels vertonen? Kann man Gemütsverdunkelungen hörbar machen? Ist der elementare Schmerz eines Verlusts formulierbar? Gloomy Afternoon beantwortet derlei Fragen mit einem überzeugend hingelittenen "Yeah". 29 Beweisstücke hat der Presse-Musikkritiker Samir H. Köck auf dieser Doppel-CD zusammengetragen und verordnet einem Nachmittag die im Untertitel angekündigte Melancholie. Giganten des Schmerzes wie Jimmy Scott, Prediger der Hoffnung wie Terry Callier oder zu früh verschiedene Tränenteichwärter wie Kevin Coyne reiht Köck hier in bitter-süßer Chronologie. Eine Argumentationskette, deren Conclusio lautet: Die schönste Musik ist immer noch die traurige. Weitere Heuler und Trostspender dieser auch als Doppelalbum erhältlichen Sammlung sind Künstler wie Etta James, Billie Holiday, Lucinda Williams, John Cale ...

ARIZONA AMP AND ALTERNATOR
(Thrill Jockey)
Hinter diesen vier A steckt Giant-Sand-Mastermind Howe Gelb, der hier mit geistesverwandten Künstlern wie Scout Niblett oder M Ward ein Album intim produzierter Songs einspielt, die sich allesamt souverän dagegen wehren, in die Schublade Americana gesteckt zu werden. Auch wenn derlei Merkmale natürlich vorhanden sind, ziehen Gelb und Co es vor, ihre Stücke leise schwebend und gebeserlt in den Äther zu hauchen. Die kurzen Leben, die sie dort entfalten, wärmen die Herzen. Repeat-Taste, übernehmen.

CRAVENHURST
Fires In Distant Buildings
(Warp/Edel)
Keine zwei Jahre ist es her, da hat das britische Trio Cravenhurst unter anderem den Song Diane von Hüsker Dü mit ihrem schattseitigen, etwas elektronisch unterstützten Folk-Post-Rock zu Grabe getragen. Auf ihrem dritten Album erweitert es seine überzeugende Arbeit um einige Lärmausbrüche. Doch selbst hochgefahrene Riffs beugt man über den Zaun zur Schönheit, wo diese mit dem Wissen um die Kraft der Auslassung und der Stille erhebende Zweckgemeinschaften eingehen. Dazu zerdehnt man das Songformat derart, dass derlei Kunstgriffe ihre Wirkung auch sicher zeitigen. Großartig!

CHEATIN' SOUL - AND THE SOUTHERN DREAM OF FREEDOM
Various Artists
(Indigo/Hoanzl)
Soul-Kompilationen gibt es wie Sand am Meer. Die meisten sind auch gut gemeint - was bekanntlich das Gegenteil von gut ist. Wenn Jonathan Fischer, Münchner Musikjournalist und wahrscheinlich der Experte für schwarze Musik im deutschsprachigen Raum, die Ärmel hochkrempelt, um zu einem Thema eine Sammlung zusammenzustellen, dann frohlockt der Fan. Cheatin' Soul, schon im Frühherbst erschienen, aber ohnehin von ewiger Gültigkeit, versammelt Deep-Soul-Göttinnen und -Götter, die sich über das Betrügen und das Betrogenwerden ausweinen. Allein die Jahrhundertnummer I Wouldn't Treat A Dog (The Way You Treated Me) ist die Anschaffung wert. Weitere Herz- und Seelenpein kommt von Doris Duke, O. V. Wright, Joe Tex und anderen einschlägigen Größen. Oh süßer Schmerz! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2005)

Von Karl Fluch
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