Flickzeug aus der Nase für zerrissene Nerven

28. Dezember 2005, 13:19
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Stammzellen, die sich im Erwachsenenalter ständig erneuern, könnten helfen, dass durchtrennte Nerven­bahnen wieder zueinander finden

Menschen besitzen in der Nase Stammzellen für den Riechsinn, die sich im Erwachsenenalter ständig erneuern. Zwischen durchtrennte Nerven implantiert, sollen sie jene Brücke bauen, über die die Nerven wieder zueinander finden.

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London - Sind Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt, ist die Medizin hilflos. Folge ist oftmals eine unbehandelbare Querschnittlähmung. Forscher arbeiten zwar weltweit an Lösungen wie etwa Bioprothesen, um die Nervenenden wieder zueinander zu führen. Doch die Anwendung solcher Implantate ist noch weit entfernt. Eine neue Möglichkeit haben jetzt Forscher am University College London (UCL) vorgestellt: Sie implantieren Stammzellen aus der Nase zwischen die durchtrennten Nervenden. Das könnte Gelähmten wieder zu mehr Gefühl in den Gliedmaßen und zu mehr Beweglichkeit verhelfen, hofft Geoffrey Raisman von der Spinal Repair Unit des UCL.

Bereits vor rund zwanzig Jahren hatte der Neurowissenschafter beobachtet, dass bestimmte Nervenzellen in der Nasenhöhle, eine Art adulter Stammzellen namens "olfaktorische Gliazellen" (OCE), die mit dem Riechsinn in Verbindung stehen, sich als einzige im Nervensystem auch im Erwachsenenalter immer wieder erneuern. So stellt der Körper sicher, dass nach einer Erkältung das gelittene Riechvermögen wieder zurückkommt.

Raisman war sich sicher: Implantiert man diese Stammzellen an genau der geschädigten Stelle im Rückenmark, können sie eine Art Brücke zwischen den durchtrennten Nervenenden bilden, die darüber wieder zusammenwachsen. Da der Patient dabei quasi sein eigener Spender ist, kommen Abstoßungsreaktionen nicht vor, kann auf immununterdrückende Medikamente (wie bei Fremdspenden üblich) verzichtet werden.

Im Tierversuch erfolgreich

In Tierversuchen konnten derart gelähmte Ratten wieder Kontrolle über ihre Vorderpfoten erlangen und wieder klettern. Im Frühjahr 2006 wollen die Mediziner nun die ersten Versuche an zehn jugendlichen Patienten am National Hospital for Neurology and Neurosurgery in Queen Square wagen. Allerdings werden diese ersten Operationen nicht in der Lage sein, querschnittsgelähmte Menschen wieder zum Laufen zu bringen. Vielmehr konzentrieren sie sich zunächst auf eine bei Motorrad-Unfällen häufige Verletzung, einer Armplexusläsion: Schlägt der Fahrer mit der Schulter hart auf der Straße auf, werden Nerven für den Arm aus dem Rückenmark gedrückt, was zur Lähmung und Gefühllosigkeit des Arms führt. Da diese Verletzung nie zu einer spontanen Rückbildung führt, eignet sie sich am besten, um die Wirkung der neuen Technik zu studieren.

"Ein Erfolg würde das Tor zu einer ganzen Reihe anderer Möglichkeiten zur Therapie öffnen", hofft Raisman - beispielsweise bei Nervenschäden durch Hirnschlag oder Blindheit durch Grünen Star, der den Sehnerv langsam zerstört. "Wir wollen aber Querschnittgelähmten keine verfrühten und falschen Hoffnung machen", sagt Raisman. "Doch unsere Arbeit zeigt deutlich, dass entgegen bisherigem Wissen das Rückenmark die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu reparieren. Was Raismans Team erarbeitet, könnte später dann auch an jeder nur bescheiden eingerichteten neurologischen Abteilung eines Krankenhauses durchgeführt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2005)

Von Andreas Grote
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    Nervengeflecht im Rückenmark. Sind Bahnen durchtrennt, bleibt Lähmung. Nasenzellen sollen verbinden.

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