Vereinnahmungen, Briefe und "Eiertänze"

21. Dezember 2005, 21:01
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Wie die Löwen kämpfen ÖVP, FPÖ und BZÖ für "ihren Arnold" - Internationale Medien nehmen das amüsiert zur Kenntnis

Der Rechtsphilosoph Peter Koller sieht auch "ideologische Sympathien" als Motor für Schwarzenegger-Fans.

Graz - "SPÖ, KPÖ und Grüne ekeln unseren Arnold Schwarzenegger aus unserer Stadt - das lassen wir uns nicht gefallen!" Nicht nur die Junge ÖVP begreift in ihrer empörten Aussendung nach der Ankündigung Schwarzeneggers, seinen Namen der Stadt und seinem Finger deren Ehrenring zu entziehen, den kalifornischen Gouverneur als ihr Eigentum. Auch die Mutterpartei der schwarzen Jugend hat den früheren Hollywoodstar und nunmehrigen Politiker gerne als "unseren" Arnold für sich vereinnahmt.

Auftritte mit den ehemaligen ÖVP-Landeshauptleuten Josef Krainer und Waltraud Klasnic waren Teil von "Arnies" Besuchen in der alten Heimat, und der ehemalige ÖVP-Bundesrat Alfred Gerstl ist ihm ein väterlicher Freund.

"Natürlich haben sich jene, die sich für ihn stark machten, einen Gewinn der Tourismusindustrie erwartet", meint dazu Peter Koller, Professor für Rechtsphilosophie an der Uni Graz, im Gespräch mit dem STANDARD. "Aber darüber hinaus gibt es da auch ideologische Sympathien für Schwarzenegger, denn sein fulminanter Aufstieg ist ein Trostpflaster für jene Menschen, die die Wettbewerbsgesellschaft propagieren". Der Amerikaner mit den steirischen Wurzeln ist für Koller eine Fleisch gewordene "kapitalistische Erfolgsstory". Wer ihn kritisiert, wird indes auch von BZÖ-Chef Gerald Grosz und der FPÖ-Landesparteichefin Verena Graf gegeißelt.

Briefe aller Art

Viele erhofften sich freilich auch politischen Profit vom Weltstar. Aus diplomatischen Kreisen hieß es vor zwei Jahren, dass Schwarzenegger sowohl von der damaligen Präsidentschaftskandidatin der ÖVP, Benita Ferrero-Waldner, als auch von ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl um Hilfe im jeweiligen Wahlkampf gebeten wurde.

Das aktuelle Bittschreiben Nagls, in dem er am Dienstag Schwarzenegger um Entschuldigung für die "provinzielle" Mehrheit in seinem Gemeinderat bat, bezeichnet Koller als "einen Eiertanz der für einen Bürgermeister lächerlich ist".

Auch internationale Medien kommentieren die Entwicklungen mit spöttischem Unterton. So schreibt die Berliner Zeitung: "Das kritische Graz kippte in wenigen Stunden um." Die Hamburger Zeit glaubt der Volkspartei die innige Verbundenheit mit Schwarzenegger nicht: "Die konservative Lodenszene ist jedoch stramm antiamerikanisch, verachtet Bodybuilder mindestens ebenso wie die Linke." Die slowenische Zeitung Dnevnik schließlich sieht den Beweis erbracht, "dass Schwarzenegger den österreichischen Politikern viel wichtiger ist" als umgekehrt.

Kritik aus der Künstlerszene

Kritik an Nagls Verhalten hagelt es auch aus der Künstlerszene: Der aus Graz stammende Filmregisseur Jakob M. Erwa sammelte rund tausend Unterschriften für einen Brief an Nagl. "Wer Tötung duldet, ja, verschuldet und gesetzlich rechtfertigt, kann kein großer Sohn der Stadt Graz sein. Nicht heute, nicht gestern und nicht morgen", heißt es in dem Schreiben, dass Schriftsteller, Schauspieler und Filmemacher aus ganz Europa und den USA unterzeichneten.

Die Grazer Schriftstellerin Monika Wogrolly richtete sich in einem offenen Brief an Nagl: Die ÖVP habe sich "mit angeblich christlicher Gesinnung ein Eigentor der Unglaubwürdigkeit und Inkonsequenz" geschossen. Auch der steirische Theaterregisseur Ernst M. Binder zeigt sein Unverständnis in einem Rundschreiben: "Von einer verlogenen und zynischen Debatte zu sprechen ist angesichts der 122 Menschen, die seit 1977 in den USA nachweislich unschuldig zum Tod verurteilt wurden, nicht angebracht." (DER STANDARD-Printausgabe 22.12.2005)

Colette M. Schmidt
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    foto: newald
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