Bittere Orangen und dottergelbe Kuchen

29. Dezember 2005, 16:13
posten

Die Route des Washington Irving: eine winterliche Andalusien- Durchquerung auf den gemächlichen Spuren eines romantischen Reisenden

Die Reise von Sevilla nach Granada, so ließ er seine Leser wissen, führe "durch einsame, häufig von Räubern heimgesuchte Gegenden". Ihn schreckte das nicht - im Gegenteil: Gemeinsam mit seinem Begleiter, einem Russen, wollte der amerikanische Diplomat und Schriftsteller Washington Irving "so wie die Einheimischen durch die Gegend ziehen", durch ein Andalusien, in dem ihm noch die bescheidenste Herberge mit Abenteuern voll gestopft zu sein schien. Zwar fehle es dem Reisenden hier gelegentlich an Komfort, doch was ihn angehe, notierte Irving, könne er "den halbwilden, offenen und wahrhaftig gastfreundlichen Sitten der romantischen Spanier viel mehr Geschmack abgewinnen, als organisierten und vorgeplanten Reisen durch geistig verödete Touristikländer." Eine ziemlich modern klingende Kritik am Massentourismus angesichts der Zeit, von der hier die Rede ist: 1832.

Jetzt, im Dezember 2005, spannt sich ein Himmel von tiefem Blau über die andalusische Weite. Die Winterluft ist klar. Selbst um die Mittagszeit, wenn die Temperatur schnell auf über zehn Grad steigt, spürt man die Kühle, die einen beim Wechsel von der Sonne in den Schatten erfassen wird. In Sevilla reifen im Dezember die Pomeranzen. An jeder Straße, jedem Platz der Stadt - vor der "Maestranza", der Stierkampfarena, entlang der Ufer des Guadalquivir, auf den kleinen Plätzen der Altstadt mit ihren Tapas-Bars - leuchten aus den runden Baumkronen die orangen Früchte. Bitter schmecken sie und sauer. Die Spanier pflanzen sie zur Zier - sollen die Engländer daraus ihre Marmelade machen, die Franzosen Parfum. Auf dem Platz vor der Kathedrale stehen die hölzernen Hüttchen eines Weihnachtsmarktes. Holzkrippenschnitzkunst und Heiligenmalerei im Schlagschatten der Giralda, jenes maurischen Turmes aus dem 12. Jahrhundert, welcher der majestätische Rest der Hauptmoschee von Sevilla ist, die früher an der Stelle der Kathedrale stand. Statt einer Treppe führen 34 Rampen hinauf. Der Muezzin legte sie fünfmal täglich bequem per Eselwagen zurück.

Renaissance und Gotik

Mudéjar, Renaissance und Gotik - das sind die drei wichtigsten Baustile Andalusiens. In vielen Gebäuden vereinen sie sich, zeigen eine maurische und eine christliche Seite, gotische Spitzbögen und Ornamente islamischer Kunst. Die königlichen Palastbauten von Sevilla, die Reales Alcázares, wurden größtenteils nach der christlichen Wiedereroberung 1248 gebaut. An Wintertagen sind hier mitunter so wenige Besucher, dass man manche Räume oder Höfe minutenlang für sich allein hat. Im stillen Halbdunkel scheint man dann unter üppigem Gipsstuck und fliesengeschmück ten Wänden ganz in orientalische Säulenwälder einzutauchen. Mitten im islamischen Dekor der Schild mit dem Doppelkopfadler der Habsburger und die mit dem Schriftband "non plus ultra" umwundenen Säulen des Herkules. Nach der Entdeckung Amerikas hieß es dann plötzlich stattdessen "plus ultra" - "noch weiter" -, denn mit einem Mal gab es da eine neue Welt, die zu beherrschen war.

Washington Irving, auf dessen Spuren sich gemächlich nach ihrem eigenen Sinn Reisende am besten durch Andalusien bewegen, lebte einige Zeit in Sevilla, in einem Haus in der Altstadt mit einem heute wild-romantisch dicht überwucherten Innenhof. Grün, zumindest einigermaßen grün - es gab zuletzt ein wenig Regen - sind auch die Felder, sobald man die aus dem Boden gestampften neuen Stadtteile der Expo-Stadt 1992 einmal hinter sich gelassen hat. Ein Muster aus frischem Gras und roter Erde, dazwischen sind ab und zu - entlang der Straße - die gigantisch hohen, schwarzen Stier-Silhouetten aufgestellt, die ehemals Träger der Werbeschriftzüge einer Sherry-Marke waren und nunmehr - schriftfrei und zu Denkmälern andalusischer Alltagskultur aufgewertet - unerfahrene Autoreisende zu Tode erschrecken.

Strenge und einfache Züge

Die "strengen und einfachen Züge der spanischen Landschaft" begeisterten Washington Irving, die sich endlos dahinziehenden "Olivares" - mit Olivenbäumen bepflanzte Hügel - und der "ewig tiefblaue Himmel", der immer tiefblauer wird, je weiter man von Sevilla, das kaum mehr als sechs Meter über dem Meeresspiegel liegt, gegen das 700 Meter hoch gelegene Granada vorstößt. Entlang des Weges liegen karthagisch-römische Gründungen wie das Städtchen Carmona, in dessen Festung an diesem Vormittag eine Kindergruppe eine Lektion in Live-Geschichtsunterricht erhält. Angetan mit über der Brust gegürteten, knielangen Tuniken und bewaffnet mit Plastikschwertern und dicken Gummipfeilen erstürmen die Kinder johlend das Haupttor des Forts: So - oder so ähnlich - vertrieben die Römer im 3. Jahrhundert vor Christus die Karthager aus Carmona und drückten dem Ort ihren Stempel auf.

Auch in Écija, einer anderen kleinen Stadt auf der Ruta de Washington Irving, der Washington-Irving-Route, finden die Bewohner traditionell in jeder neuen Baugrube die Reste römischer Mosaikböden, Mauern oder Statuen. Wie ein weißer Häusersee mit überproportional vielen daraus hervorstechenden Kirchtürmen liegt Écija in einer flachen Mulde - eine Stadt der Klöster, Orden und Konvente, in denen die Nonnen wagenradgroße, flaumige, tiefgelbe Omelettkuchen backen, die ausschließlich aus Eidottern und Zucker zu bestehen scheinen. Sie sind Teil des traditionellen Frühstücks, das Glückliche in sonnendurchfluteten historischen Hotelinnenhöfen einnehmen, in denen hundertjährige Granatapfelbäume wachsen, deren riesige, mattrote Früchte prall und kokett aufgeplatzt im gelben Winterlaub hängen. Doch der Höhepunkt der Reise - und zugleich ihr Ziel - steht erst bevor: Granada, "die Hauptstadt des letzten Maurenreiches auf europäischem Boden", auf die Boabdil, ihr letzter Herrscher, traurig seufzend zurückblickte, als er sie endgültig den kastilischen Kreuzrittern überlassen und gedemütigt in die Verbannung fliehen musste. "El último suspiro del moro", der so berühmt gewordene letzte Seufzer des Mauren, galt dem Blick auf die Alhambra - zu ihren Füßen die Stadt, dahinter das schneebedeckte Panorama der Sierra Nevada. Genau abgezählte 7500 Besucher täglich dürfen die Festungsstadt mitsamt ihren maurischen Palästen, ihren Gartenanlagen und Wasserbecken, mit dem Renaissancepalast von Karl V. und dem Generalife - dem "Schönbrunn der maurischen Könige" - besuchen.

Romantisches Ziel

Washington Irving hatte seinerzeit Glück: Er durfte einige Zeit in der Alhambra leben, notierte dutzende Legenden und Geschichten, die sich um die - zu seiner Zeit im Verfall begriffenen und von allerlei zwielichtigem Volk bewohnten - Palastanlagen rankten. Seine "Erzählungen von der Alhambra" entrissen diese dem Vergessen und lösten einen europaweiten Reisesturm auf Granada aus. Romantisches Ziel bis heute: die sich in den Wasserbecken spiegelnden Säulen der Paläste, die farbigen Glasfenster und stuckverzierten Nischen, die bunten Fliesenornamente, die Myrtenhecken und sternübersäten Holzkuppeldecken. Wie ein auf einem Hügel gestrandetes Schiff liegt die Alhambra über Granada, das abends vor dieser unwirklich beleuchteten Kulisse nicht nur für Touristen den Flamenco tanzt, der von einer Spanierin dargeboten wurde, die dem romantischen Blick einer Irving-Erzählung entsprungen schien: eine "glutäugige sich in den schmalen Hüften wiegende Maja". Es gibt sie offenbar wirklich - genauso wie es zu Irvings Zeiten granadinische "Luftfischer" gab, gewitzte, zerlumpte Müßiggänger, die von den Zinnen der Alhambra mit Ruten und langen Schnüren die Schwalben aus dem tiefblauen Himmel fischten. (Der Standard/rondo/23/12/2005)

--->>> Service Anreise: ÖAMTC-Reisen bietet eine einwöchige Auto-Individualrundreise mit ÖAMTC-Ferienmietwagen. Die Strecke beinhaltet die Höhepunkte der Route des Washington Irving und führt zusätzlich nach Córdoba. ÖAMTC
Unterkunft: Sevilla: Hotel Alcoba del Rey


Écija: Palacio de los Granados


Granada: Hotel Palacio de Santa Inés

Literatur: Washington Irving. Erzählungen von der Alhambra. Verlag RoseNoire 1999, 391 S., Euro 15,50
Allgemeine Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt
Walfischgasse 8/12, 1010 Wien
Tel.: 01 / 512 95 80, spain info

Von Julia Kospach
  • Der Königspalast von Sevilla
    epa/eduardo abad

    Der Königspalast von Sevilla

Share if you care.