Die Ruhe vor dem Föhn

27. März 2006, 16:00
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Spleens zur Findung von Entspannung und Schlaf können so mannigfaltig sein wie die dafür zweckentfremdeten Gerätschaften

Das Abflussrohr in der Berliner Bleibe war angeblich die Hölle. Es gluckste, rauschte und gurgelte, was das Zeug hielt, und brachte den seinerzeit jungen und abgebrannten Billy Wilder um den Schlaf - nicht aber um seine Ideen. Wilder stellte sich vor, das nächtliche Getöse stamme von einem Wasserfall, und fortan ließ ihn die eingebildete Monotonie des rauschenden Wasserriesen sanft schlummern. Jahre später, Wilder war inzwischen Topregisseur in Hollywood, weilte er zum Urlauben in Bad Gastein. Laut Legende passierte, was sich vortrefflich für eine Wilder'sche Filmszene geeignet hätte. Der Gasteiner Wasserfall verwandelte sich irgendwo zwischen den Ohren des Regisseurs in das ferne Berliner Abflussrohr. Seine Nachtruhe war dahin. Was soll man sagen?

Qualvolle Suche nach Entspannung und Schlaf

Auf der mitunter qualvollen Suche nach Entspannung und Schlaf kommen neben unzähligen Schäfchen, Spieluhren, dem Nicht-an-Eisbären-Denken vor allem eine Menge Gerätschaften sehr zweckentfremdet daher. Die Tricks, deren man sich bedient, sind mannigfaltig wie die Situationen, in denen man oft mit blankem Nerv nach Erlösung sucht: sich sehr, sehr lieb habende Nachbarn, der tropfende Wasserhahn, ein an der Dachrinne kratzender Zweig, der scharrende Kater am Katzenklo - es gibt viele Wege, statt an der Matratze zu horchen, die Palme hinaufzugehen.

Freilich ebenso viele auch wieder runterzukommen: das Stieren in die schleudernde Waschmaschine, begleitet vom Ensemble Geschirrspüler und Wäschetrockner, das Tatack-Tatack der Eisenbahn, einst das leichte Pfeifen des Testbildes usw. Was dem einen Schlaf und Nerv raubt, schenkt anderen Glückseligkeit.

Föhn und Waschmaschine

Neuester Schrei gegen den Schrei und Hebammentipp Nr. 1 ist übrigens das Gebläse des Föhns, das die allerkleinsten Nervenwegschmeißer mitunter flugs zu glucksenden Wonneproppen mutieren lässt. Dabei sind kolportierte Tricks nicht immer eins zu eins zu übernehmen. Haartrockner ist nicht gleich Haartrockner, Stufe 1 nicht Stufe 2, und auch beim Waschmaschinenschmäh gibt's ein paar Dinge zu beachten.

Frau Anke schreibt auf www.hausfrauenseite.de: "Bei uns wirkt Folgendes: Das wache Kind in seiner Wippe auf die Waschmaschine stellen. Nur: gut sichern, damit der Schleudergang die Wippe nicht langsam herunterruckelt und vorher mit den Nachbarn reden! Unsere waren alle sehr verständnisvoll und meinten, die Waschmaschine würde sie weniger stören als das schreiende Baby. Nebenbei kamen wir gleich noch mit einer älteren Mieterin ins Gespräch, die seither gern mal eine Runde mit dem Kinderwagen durch den Park dreht. Herrlich!"

"Es ist keine Kunst zu schlafen, sondern wach zu bleiben"

Auch die Wissenschaft ist in Sachen Schlaflosigkeit natürlich längst hellhörig geworden. Bernd Saletu, Leiter des Bereichs für Schlafforschung und Pharmakopsychiatrie an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie sowie Leiter des Schlaflabors im Rudolfinerhaus meint: "In Wirklichkeit ist Stille das Beste, weil unsere sensorischen Organe beim Einschlafen versuchen, hereinkommende Informationen mehr oder weniger wegzuschalten. Ein berühmter Forscher sagte: ,Es ist keine Kunst zu schlafen, sondern wach zu bleiben.' Und wach bleiben wir, weil wir von jedem hereinkommenden Erlebnis, sei dieses optisch, akustisch, taktil, olfaktorisch oder gustatorisch etwas abzweigen."

Man sieht, der Professor ist Wissenschafter und kein "Gschichtenerzähler", wie er meint, und doch erwähnt er Untersuchungen, wonach einige Patienten schon gut auf Straßenlärm eingeschlafen seien, weil diese halt an einer belebten Kreuzung leben. "Das Gehirn kann natürlich so programmiert sein, dass ich sage: ,Dies ist mein Leben, meine Umgebung'", meint Saletu.

Routine, Monotonie und Reize

Das hieße also frei nach der Wissenschaft, der Liebhaber von Geschirrspülerklängen ist halt einfach positiv auf dessen Klangwelt programmiert - warum, ist wieder eine andere Frage. Und die Programme, nicht nur die des Geschirrspülers, sind sehr verschieden, wie zum Beispiel der Eintrag auf der Website www.planetliebe.de beweist: "... es gibt wirklich ein paar Geräusche, bei denen man schön entspannen kann, z. B.: Bachplätschern (wenn man nicht gerade pinkeln muss), Windsäuseln oder diese Glocken, die man aufhängen kann und die sich bewegen, wenn es leicht windig ist."

Auf den Punkt gebracht meint Schlafforscher Saletu: "In Wirklichkeit verarbeitet das Gehirn Reize, auch emotionelle, gewichtet sie und sagt: ,Das ist gefährlich, das ist nicht gefährlich, das ist Routine usw.' So ist es zu sehen. Vielleicht muss die entsprechende Gewohnheit einfach positiv besetzt sein."

Dabei, und das soll Bernd Saletu noch sagen, kann "absolute Ruhe wiederum sehr unangenehm werden. Das ist halt nicht das normale Leben, was wiederum auch das Gehirn alarmiert." Und - um jetzt endgültig zur Monotonie zu kommen - was hält der Forscher vom weltweit verbreiteten Zählen von Schäfchen? "Bei Monotonie haben wir ja auch am Tag Probleme wach zu bleiben, das kann auch im Kino sein, oder beim Autofahren etc." Welche Monotonie für wen den richtigen Ton spielt, muss aber jeder selbst herausfinden. Wurde das geschafft, sollte das Programm gut laufen, denn - ohne jemanden jetzt auf dumme Gedanken bringen zu wollen - schnell kann es gehen, dass aus der Monotonie eines romantischen Wasserfalls das vermaledeite Häusl des Nachbarn wird. (Michael Hausenblas, DER STANDARD, rondo, 23/12/2005)

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