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6. Juni 2006, 14:04
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Lavendel und Orange fördern den Schlaf, Zimt­geruch ver­mit­telt Ge­borgen­heit, Va­nille macht aus­ge­glichen: Über das Zusammen­spiel von Duft, Körper und Psyche

Nervenkräutlein nennt es der Volksmund. Unerschrockene verwenden es als Gewürz, Generationen von Ruhelosen schwören auf ein Säckchen voll dunkelvioletter Blüten neben dem Bett: Lavendel (Lavendula officinalis) beruhigt, besänftigt, entspannt, und das einzig und allein mit kräftigem, vollriechendem Duft - selbst mitten in der Nacht. Denn die Nase - das völlig unterschätzte, geheimnisvolle Organ - funktioniert auch im Tiefschlaf noch tadellos.

Rund um die Uhr lauern 30 Millionen Riechzellen in der Nasenhöhle, jedes noch so flüchtige Duftmolekül wird beim Einatmen erfasst, identifiziert und als Information blitzartig ins so genannte limbische System geschickt. Dieser Teil des Gehirns - zuständig für die Verwaltung von Erinnerungen und Gefühlen - schüttet bald nach dem Eintreffen des Signals stimulierende Botenstoffe in den Körper aus. Und schon ist der Manipulationseffekt in vollem Gange.

Lavendel, Orange, Zimt

Lavendel und Orange sollen erholsamen Schlaf fördern, Zimtgeruch Wärme und Geborgenheit vermitteln, Vanille ausgeglichen machen. Rund um die Weihnachtszeit ist geruchsmäßig überhaupt pure Entspannung angesagt: Der frische Duft von Kiefern- oder Fichtennadeln wirkt angeblich beruhigend, Mandarine stresslindernd, Weihrauch und Myrrhe besinnlich und anregend.

So viel Wirkung auf Körper und Seele lässt sich natürlich nicht nur in den eigenen vier Wänden nutzen. Der Frankfurter Flughafen beispielsweise besprüht seit Jahren einen kilometerlangen, engen Tunnel zwischen den Terminals mit beruhigenden Duftnoten, um den Abertausenden von Passagieren ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Tchibo und Eduscho verführen die Kunden in ihren Shops häufig mit intensivem, synthetisch hergestelltem Kaffeeduft zum Kauf, und die Kosmetikhersteller haben Duft samt Wirkung längst zu einer eigenen Wissenschaft erklärt: der Aromachologie. Dieser Begriff basiert auf einer Wortmixtur aus "Aroma" und "Physiopsychologie".

Aromachologie - Zusammenspiel von Duft, Körper und Psyche

Im Unterschied zur Aromatherapie, die mit den Wirkstoffen ätherischer Öle medizinische Beschwerden lindern will, untersucht die Aromachologie das Zusammenspiel von Duft, Körper und Psyche im Alltag. Pionier auf dem Gebiet der unerforschten Duftlehre ist das japanische Kosmetikunternehmen Shiseido. "Uns geht es darum, die aromachologische Wirkung eines Duftes auf die Person, die ihn wahrnimmt, zu analysieren," sagt Konzernchef Shinzo Maeda.

Mithilfe aufwändiger Hirnstrom- und Herzfrequenzmessungen an Testpersonen gelang es Shiseido, unter 1000 Duftvariationen 20 Aromen herauszufiltern, die beruhigend oder belebend auf die jeweilige Trägerin des Parfums wirken. Die Teerose, eine alte chinesische Rosensorte mit leicht würziger Note, erwies sich dabei als Pflanze mit außergewöhnlich stark entspannender Komponente.

Stern-Anis hingegen, ein intensiv riechendes Gewürz aus Asien, setzt in Kombination mit Nelke und schwarzem Pfeffer auffallend viele Energien frei. Bewährter Stimmungsmacher, und in Fernost ohnehin seit über 5000 Jahren wegen seiner Anregung und Stimulation von Körper und Geist gepriesen, ist Ginseng, die "Wurzel des Lebens" .

Psychischer Stress wegschnuppern

Dass sich psychischer Stress auch wegschnuppern lässt, wiesen Shiseido-Forscher in einem Experiment mit Studentinnen nach: Die Probandinnen sollten ein kompliziertes juristisches Schreiben innerhalb von zehn Minuten auswendig lernen und anschließend vor Publikum rezitieren. Die Gruppe wurde in zwei Räume aufgeteilt, einer der Räume über die Klimaanlage dezent beduftet. Die Frauen in der duftfreien Gruppe hatten nachweislich einen höheren Cortisolspiegel als der Rest der Testerinnen. Und Cortisol ist ein Hormon, das die Nebennierenrinde unter Stress vermehrt produziert. "Es gibt eindeutig messbare physiologische und psychologische Veränderungen durch olfaktorische Stimulation", ist Shiseido-Chef Maeda von den Forschungsresultaten seines Konzerns überzeugt.

Auch Serge Lutens, eine der berühmtesten "Nasen" der Welt, nützt aromachologisches Wissen bei der Kreation seiner erlesenen Düfte. Einen Hauch von Zimt, Gewürznelke, Mandarine oder Anis findet sich stets in den streng gehüteten Rezepturen des Nobelparfümeurs, der seinen untrüglichen Geruchssinn früher für Dior und heute für Shiseido nützt.

Körpereigene Pheromone und Lockstoffes

Nicht in Forschungslabor und Parfumküche herstellbar, aber enorm wichtig für die Kommunikation zwischen den Geschlechtern sind dagegen körpereigene Pheromone. Innerhalb von einer Zehntausendstelsekunde nimmt die hochsensible "Nase in der Nase", das Vomeronasalorgan, 30 Pikogramm dieses Lockstoffes wahr und erstattet exakte Meldung ans Gehirn. Passt die Zusammensetzung des Duftreizes, ist Entspannung auf ganzer Ebene angesagt. Noch hat die Aromachoogie darauf aber keinen Einfluss.  (Carolin Giermindl , DER STANDARD, rondo, 23/12/2005)

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    bild: photodisc
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