Asiatisch technisch chillen

30. Dezember 2005, 23:08
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Zur Entspannung führen erleuchtete und weniger erleuchtete Wege - von Asien bis zur Körperfunktions-Kurve am Computer

"Erholung hat immer etwas mit dem Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung zu tun. Früher wurde der Sympathikus, die Anspannungsseite des Körpers, bei Gefahr aktiviert. Dabei kommt es zu erhöhter Muskelspannung, und das Blut wird ins Zentrum des Körpers geleitet", erklärt Max Moser, ein Mitbegründer des Stresszentrums der Universität Graz. Entspannung wird im Körper durch den Parasympathikus ausgelöst, der vor allem in der Nacht oder beim Essen in Aktion tritt. Durch die veränderten Lebensbedingungen des Menschen kommt es laut Moser häufig zu einer Störung dieses natürlichen Rhythmus. Zum Beispiel durch künstliches Licht, das den Mensch in der Nacht wach hält, das Sonnenlicht tagsüber aber nicht wirklich ersetzen kann. "Das trifft beispielsweise bei langjährigen Nachtarbeitern zu. Untersuchungen haben ergeben, dass sie unter Schlafstörungen leiden und ein um 50 bis 70 Prozent erhöhtes Krebsrisiko tragen."

Gegen solche Störungen wirken Entspannungstechniken, die den Parasympathikus aktivieren. Derzeit verzeichnen asiatische Praktiken großen Zulauf. "Yoga ist so populär wie noch nie", bestätigt Erika Erber, Vorsitzende von Yoga Austria, dem Berufsverband der österreichischen Yogalehrenden. Ursprünglich war Yoga ein spiritueller Weg, der zur Erleuchtung führen sollte. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in Indien körperbetonte Yogastile, allen voran Hatha-Yoga. Der Körper wird dabei durch Körperhaltungen, die so genannten Asanas, trainiert, während die als Pranayamas bezeichneten Atemtechniken für ein meditatives Element sorgen.

Körperbetonte Yogastile

Auf Hatha-Yoga basieren die meisten Yogastile, die seit Ende der Vierzigerjahre in Europa und Amerika entwickelt wurden. "Der Trend geht eindeutig in Richtung körperbetonte Yogastile", erklärt Erber. Daneben existieren aber immer noch Formen, die ein ganzheitliches Konzept verfolgen und auch konzentrative Elemente wie Meditation umfassen. "Yoga wirkt stressabbauend", erklärt Erber. "Zentrale Aspekte sind Wachheit, Klarheit und Präsenz. Es geht um die Aktivierung des Selbst." Yoga wirkt auf verschiedene Ebenen des menschlichen Körpers. Manche Asanas kräftigen die Rückenmuskulatur, bestimmte Muskelgruppen werden gedehnt oder entspannt. In Kombination mit der richtigen Atmung kann regelmäßige Yogapraxis zur Harmonisierung des Bewegungsapparats beitragen.

Weniger spektakulär präsentieren sich buddhistische Mediationspraktiken wie Zen, das aus Indien stammt und über China nach Japan gelangte, wo es heute noch praktiziert wird. Im Zentrum steht hier das Zazen, das Sitzen. Nach einer Einführung bleibt der Meditierende gegenüber einer weißen Wand mit sich selbst und seinen Gedanken allein. "Beim Zen gilt es nicht, Orientierung zu finden oder seinem Leben etwas hinzuzufügen, sondern etwas zu verlieren", erklärt Thomas Palfinger, ein Mönch des Zen Dojo Wien. "Mit der Zeit wird es uninteressant, Erklärungen zu suchen. Viele Gedanken oder Dinge, von denen man glaubt, dass man ohne sie nicht leben könne, treten in den Hintergrund", beschreibt er die Wirkung von Zen. Die japanische Meditationstechnik ist eine Lebenseinstellung, in deren Zentrum die Suche nach dem "wahren Selbst" steht. Ein bestimmtes Ziel verfolgt der Meditierende dabei nicht. "Sobald man Zen macht, um ein Ziel zu erreichen, entspricht es nicht mehr dem buddhistischen Weg. Man soll durch Zen nicht schöner oder intelligenter werden", so Palfinger.

Zur Behandlung von Stress

Die westliche Medizin hat buddhistische Meditationstechniken im 20. Jahrhundert für sich entdeckt. So verwendete der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn die buddhistische Meditationstechnik Vipassana zur Behandlung von Stress, Depressionen und chronischen Schmerzerkrankungen. Im Zentrum des von ihm entwickelten Verfahrens Mindful based stress reduction (MBSR) steht, ein Bewusstsein für sich selbst zu entwickeln. Durch bewusstes Gehen, Stehen und Sitzen und die Achtsamkeit bei der Verrichtung alltäglicher Dinge soll insgesamt ein bewussteres Lebensgefühl erzielt werden. Neben Anleihen bei asiatischen Entspannungstechniken hat sich die westliche Medizin bei der Stressbekämpfung aber auch auf den Einsatz von Technologie verlegt. Beim Biofeedback werden Körperfunktionen wie Puls oder Hautleitwert gemessen und auf einem Bildschirm in Form einer Kurve dargestellt. In Begleitung eines Therapeuten beeinflusst der Patient diese Körperfunktionen dann durch Atemtechniken oder Techniken zur Muskelentspannung, während er die Veränderungen auf dem Bildschirm sichtbar nachvollziehen kann. "Ziel ist, dass der Betroffene nach zehn bis fünfzehn Stunden auch zu Hause in der Lage ist, seine Körperfunktionen zu regulieren", erklärt Biofeedbacktherapeut Gerhard Strauss-Blasche. "Denn sich zu Entspannen muss man wie eine Sprache erst einmal lernen." (Katharina Santner/Der Standard/rondo/23/12/2005)

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