Fernsehverbot

5. April 2007, 14:49
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Fernsehrituale verlangten natürlich nach einem festen Regelwerk. Oder: Je nachdrücklicher das Verbot, desto interessanter das Verbotene

+++Pro
von Doris Priesching

Ich komme aus einer Fernsehfamilie. Das Gerät stand im Wohnzimmer, davor lag hübsch drapiert der Papa auf der Couch, die Mama saß im Fernsehsessel, und wir drei quetschten uns irgendwo dazwischen.

Wenn wir Filme sahen, sagten wir uns gegenseitig die Namen der Schauspieler vor. Beim Skirennen gingen wir in die Abfahrtshocke. Lief die "Peter Alexander"-Show im Fernsehen, zog uns Mama feine Sachen an. Bei "Tom & Jerry" ging ich zum Nachbarskind, weil die im Unterschied zu uns FS 2 empfangen konnten.

Solche Rituale verlangten natürlich nach einem festen Regelwerk. Niemals Schauen vor 18 Uhr etwa oder ein absolutes Fernsehverbot zu Weihnachten. Der Fernseher blieb am 24. Dezember stumm, andernfalls, wussten wir, dass das Christkind fortbliebe.

Davon ist nicht viel übrig geblieben. Der Fernseher läuft heute am liebsten frühmorgens, legere Kleidung ist bevorzugt. Skirennen sind mir ein Gräuel, "Tom & Jerry" schlicht wurscht. Die Lust aufs Fernsehen haben mir die Verbote aber aufrechterhalten. Und am 24. Dezember ist nach wie vor Stille.

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Contra---
von Karin Krichmayr

Es war viel Spitzfindigkeit und Tricklist nötig, um an ihn heranzukommen, an den von den allzu umsichtigen Eltern an einem geheimen Ort versteckten Schlüssel zum heimlichen Gral des Wohnzimmers, dem möglichst unauffällig in die restliche Möbellandschaft eingepassten, mit Türen aus Massivholz verschlossenen Fernsehkastl.

Wenn zu Weihnachten aufgrund des allgemeinen Besinnungsgebotes der Christbaum die Funktion des heiligen Schreins übernahm, blieb immer noch das Ausweichen auf die konspirativen Großeltern.

Die unumstößliche Formel: Je nachdrücklicher das Verbot, desto interessanter wird das Verbotene. Womit der Glotze eigentlich schon viel zu viel Wichtigkeit beigemessen wird, umso mehr, wenn die Entzugserscheinungen als Disziplinierungsmaßnahme für quengelnde Trotzköpfe missbraucht werden.

Gerade weil sogar Madonna als wiedergeborener Moralapostel das intellektuelle Heil eines strikten Fernsehverbots verkündigt - die Konsternation über den Untergang des Abendlandes durch in Bildpunkte kanalisierten "Schund" sollte längst überwunden sein. (Der Standard/rondo/23/12/2005)

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    illustration: michaela pass
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