Werner Doralt: "Staatsoper verstößt gegen ein Grundrecht"

29. Dezember 2005, 16:48
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Vorstand des Instituts für Finanzrecht an der Uni Wien kritisiert "Erbpacht" bei Abos

Wien - Auch wenn er selbst den Schritt nicht setzen möchte, so ist Werner Doralt, Vorstand des Instituts für Finanzrecht an der Uni Wien, dennoch felsenfest davon überzeugt: "Man kann die Staatsoper auf die Herausgabe eines preisgünstigen Abonnements in den Kategorien vier bis sieben klagen - und wird gewinnen. Denn die Staatsoper verstößt gegen ein Grundrecht, den Gleichheitsgrundsatz."

Schon seit Jahren ärgert sich der Musikliebhaber, der jedes Semester seine Studenten zu einer Staatsopernvorstellung einlädt, darüber, dass gerade in jenen Kategorien, die im Preis-Leistungsverhältnis als günstig erscheinen, generell keine Abos angeboten werden. Denn diese befinden sich im "Besitz" von Stammkunden, die man in der Staatsoper nicht brüskieren will: Thomas Platzer, der kaufmännische Direktor, bekennt sich sogar dazu, dass ein Abo, wenn der Stammkunde gestorben ist, zum Beispiel an den Lebenspartner übergeht. Doralt spricht daher von "Erbpacht". Und er würde zu gerne wissen, wie lange die ältesten Abos schon laufen: "Seit der Wiedereröffnung der Oper vor 50 Jahren? Oder gar seit der Monarchie?"

Steuergeld verschenkt

Hin und wieder verzichten natürlich Kunden auf eine Verlängerung ihres Abos in den Kategorien vier bis sieben (Balkon und Galerie). Doralt hat aber dennoch keine Chance, ein solches Abo zu ergattern: Da diese Sitze die begehrtesten sind, werden die Karten nicht mehr als Package mit einem Rabatt bis zu 25 Prozent, sondern einzeln verkauft. In gewisser Weise hat Doralt dafür sogar Verständnis. Denn die Staatsoper soll hohe Einnahmen erwirtschaften.

Wenn aber Platzer mit der "Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit" argumentiert, zu denen der Staatsbetrieb verpflichtet ist, dann sei nicht einzusehen, dass er die Abos automatisch weiterverlängert: "Immerhin werden hier Steuergelder verschenkt", erbost sich Doralt. "Das kann nur zulässig sein, wenn Chancengleichheit besteht." Er schlägt daher eine Reduktion des Rabatts auf zehn Prozent vor. Dann würden Abos freiwillig zurückgegeben - und die Nachfrage könnte befriedigt werden.

Platzer hingegen weist darauf hin, dass schon mit Saisonbeginn die Preise für 341 Plätze am Balkon und auf der Galerie empfindlich angehoben wurden, was auch zu einer Verteuerung vieler Abos führte: von 99 und 140 Euro auf deren 203. Er habe also Doralts Ansinnen bereits umgesetzt; Stornos gab es trotz Beschwerden aber kaum.

Dennoch: Die Ungleichbehandlung bleibt bestehen. Auf sie machte Doralt kürzlich, im STANDARD vom 22. November, aufmerksam. Die Staatsoper reagierte prompt - und untergriffig: Der Jurist würde, hieß es in einem am 26. November veröffentlichten Leserbrief, irren, denn es seien sehr wohl Abos verfügbar. Aber eben nur, was man nicht genau erklärte, in den drei teuersten Kategorien (um 593, 481 und 361 Euro für fünf Vorstellungen). Das hatte Doralt auch gar nicht bestritten: Ihm geht es um die für Normalbürger leistbaren Kategorien zu 267, 203, 140 und 99 Euro. Dass er nicht irrt, lässt sich übrigens leicht belegen: anhand der Briefe von Platzer an Doralt ... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2005)

Von Thomas Trenkler
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