Der Kunstcharme der Rekorde

29. Dezember 2005, 16:22
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Ein Zuschlagsrekord jagte den anderen, und die Auktionshäuser feierten entsprechende Umsatzzuwächse

International hat sich der Sektor angewandte Kunst ebenso gemausert wie die Riege der Zeitgenossen. National überwiegt die Nachfrage an Klassischer Moderne.

Das neue Jahr war keine vier Wochen alt, als es bereits den ersten Rekord zu vermelden gab. Im New Yorker Auktionssaal von Sotheby's standen zwei 2003 vom Historischen Museum der Stadt Wien den Nachkommen Dr. Richard Beer-Hofmanns restituierte Büsten von Franz Xaver Messerschmidt, Hofbildhauer Maria Theresias, im Angebot.

Die Erwartungen für die beiden Charakterköpfe aus dem 18. Jahrhundert lagen zwischen 115.000 und 382.000 Euro. Die Marktfrische - die erste Kaufchance seit 20 Jahren - und die Rarität (weltweit haben sich nur 43 Exemplare erhalten) ließen diese Schätzung für die österreichischen Kunstwerke weit hinter sich: Der (Arbeits-)Unfähige Fagottist wechselte für 2,48 Millionen Dollar den Besitzer und den Schlechtgelaunten Mann sicherte sich der Louvre für den Rekordpreis von 4,83 Millionen Dollar brutto.

Kurz vor Saisonende verabschiedet sich der internationale Markt wohl mit einem weiteren Rekord für ein im 18. Jahrhundert ausgeführtes Kunstwerk mit Österreich-Bezug. Am 13. Dezember standen bei Artcuriel in Paris die Sammlung des 1984 verstorbenen Geschäftsmannes Jean Rossignol und damit zehn Meisterwerke französischer Tischlerkunst im Angebot, darunter ein aus Rosenholz und exotischem Amarant (Violettholz) für Graf Johann Carl Philipp von Cobenzl (1712-1770), einen engen Vertrauten Kaiserin Maria Theresias, gefertigtes Schreibmöbel. Ausgeführt wurde das mit 24 Plaketten aus feinstem Sèvres-Porzellan und mit vergoldeten Bronzebeschlägen verzierte "Buero plat" vom deutsch-französischen Ebenisten Joseph Baumhauer.

Meisterstücke aus seiner Werkstatt hält etwa das Ghetty Museum (Los Angeles) im Bestand - das bei Artcuriel für den Rekordzuschlag von 6,1 Millionen Euro (Taxe: 0,8-1 Mio./Kaufpreis 6,87 Mio.) nun versteigerte wechselte ins Ausland.

Damit führt wie bereits 2004 (Leon Indenbaum, Marmorrelief, 3,3 Millionen Euro / Christie's) in Frankreich angewandte Kunst die Liste der zehn höchsten Auktionsergebnisse an. Und im Unterschied zum vergangenen Jahr schaffte es auch in London ein Objekt unter die Top Ten: Im Juli deponierte Europas erste Adresse für Asiatika, die Galerie Eskenazi, schier unglaubliche 22,73 Millionen Euro für eine seltene Keramik-Schale aus der Yuan-Dynastie (1279-1368). Christie's durfte damit den Weltrekord sowohl für ein chinesisches als auch für ein asiatisches Kunstwerk notieren, das sich nun am Ende der Saison auf Platz zwei der zehn höchsten Zuschläge des Londoner Marktes behauptet.

Angeführt wird dieser von einem Alten Meister, von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, der im Juli für eine Sensation sorgte. 1992 versteigerte Christie's sein Londoner Motiv The Old Horse Guards für damals gigantische 9,2 Millionen Pfund (13,65 Millionen Euro), ein Rekord, der 13 Jahre lang halten sollte.

Am Abend des 6. Juli ließ Christie's diesen hinter sich, und gab Das Bucintoro am Molo zu Christi Himmelfahrt für 16,8 Millionen Euro an einen Saalbieter weiter. Die Freude war groß, hielt aber nur für 24 Stunden. Denn einen Tag später bewilligte Sotheby's umgerechnet 27,34 Millionen Euro für den Blick auf Venedigs Canale Grande vom Palazzo Balbi zur Rialtobrücke.

Klassische Moderne

Bereits 2004 führte ein Alter Meister das Londoner Ranking an (Jan Vermeers Junge Frau am Spinett, 20,39 Millionen Euro/Sotheby's). Die Unterschiede zu 2004: Sotheby's und Christie's haben die Plätze gewechselt. 2004 dominierte Sotheby's mit sieben von zehn Topergebnissen, 2005 darf Christie's dieses Resultat für sich beanspruchen. Spartenspezifisch dominierten 2004 klar die Impressionisten und die frühe Klassische Moderne. Aktuell haben Alte Meister mit vier Topergebnissen das Ruder übernommen, gefolgt von drei Impressionisten und zwei zeitgenössischen Kunstwerken. Ähnlich präsentiert sich die Nachfrage in New York, wobei drei der höchsten Saisonzuschläge in den Bereich Zeitgenössische Kunst fallen, eine Sparte, die heuer Rekordumsätze verbuchte:

Mit der im November in New York abgehaltenen Auktion Post-War and Contemporary Art und einem Gesamterlös von 133,42 Millionen Euro schrieb Christi's Auktionsgeschichte. In den heimischen Auktionssälen war dieses Jahr das 20. Jahrhundert am beliebtesten - nur einmal schaffte es Zeitgenössisches in das Ranking. Wie 2004 führt ein Werk Ferdinand Georg Waldmüllers (Das Ende der Schulstunde, 1,06 Millionen Euro / "im Kinsky") die zehn höchsten Zuschläge an und die Alten Meister retteten mit dem letzten Platz ihre Ehre.

Der größte Unterschied zum vergangenen Jahr: Kein einziges der zehn teuersten Kunstwerke blieb im Lande, je drei wechselten in die USA und nach Großbritannien, je eines nach Liechtenstein, Italien, Frankreich und in die Schweiz. Damit hat Wien seine Position als internationales Verteilzentrum massiv ausbauen können. Nachzulesen in den Bilanzen der Auktionshäuser, die 2005 Rekordumsätze verbuchten: "im Kinsky" steigerte das Ergebnis um 49 Prozent auf fast 19 Millionen Euro (2004: 12,8) und das Dorotheum beziffert den Umsatz auf 85 Millionen Euro (2004: 77 Millionen).

Und auch im benachbarten Deutschland erfreuen die Händler sich über Rekordnachfragen: Designspezialist Quittenbaum über einen Zugewinn von 25 Prozent, Ketterer steigerte das Ergebnis um 14 Prozent auf zwölf Mio. Euro und Lempertz als führendes deutsches Auktionshaus um 15 Prozent auf 38 Mio. Euro. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2005)

Von Olga Kronsteiner
  • Zwei Canaletto-Rekorde innerhalb von 24 Stunden: an der Spitze nun dieser "Blick auf den Canal Grande", für den Sotheby's im Juli umgerechnet fast 20,4 Millionen Euro erzielte.
    foto: sotheby's

    Zwei Canaletto-Rekorde innerhalb von 24 Stunden: an der Spitze nun dieser "Blick auf den Canal Grande", für den Sotheby's im Juli umgerechnet fast 20,4 Millionen Euro erzielte.

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