"Menschen lassen sich immer wieder verkaufen"

22. Dezember 2005, 07:00
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In Wien diskutierten ExpertInnen über Gegenstrategien: Internationale Vernetzung, Beratung und ... ein "Gütesiegel" für Sexarbeit

Wien - Mit Menschenhandel ist viel Geld zu verdienen. Mehr noch als mit Drogen- oder Waffenhandel, sind sich ExpertInnen inzwischen einig. Ihre Erklärung: "Menschen lassen sich immer wieder verkaufen".

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So grausam die Analyse klingt, so deutlich spiegelt sie die aktuelle Situation im komplexen Problem Menschenhandel wider. Auch in Österreich, wie am Montag bei einer Podiumsdiskussion des "Club für Frauen" zu vernehmen war: "Ca. 50 Prozent der gehandelten Frauen werden erneut gehandelt, wenn sie in ihr Heimatland zurückgekehrt sind", erklärte Helga Konrad, Frauenhandel-Sonderbeauftragte der OSZE. Die Gründe dafür seien vielfältig: "Einerseits wird geglaubt, aus den Negativ-Erfahrungen gelernt zu haben, andererseits können sich viele Frauen nicht dauerhaft aus dem Kreis der HändlerInnen befreien".

Vielseitige Maßnahmen nötig

Generell waren sich die ExpertInnen auf dem Podium einig, dass "Frauenhandel" nicht durch Maßnahmen in nur einem Politikbereich zu lösen ist. Gerhard Joszt, zuständiger Beamter im österreichischen Bundeskriminalamt, berichtete über die Aktivitäten im Innenministerium: Seit 1992 gibt es eine eigene Zentralstelle zu Menschenhandel, auch in den Landesabteilungen gibt es Stellen, die mit ExpertInnen besetzt sind. In einer sogenannten "Task Force" treffen sich alle mit dem Thema betrauten BeamtInnen zwecks Koordination und Informationsaustausch. Bei der Exekutive wurde in die Fortbildung investiert, damit Frauenhandel für die BeamtInnen auch erkennbar wird. Zwischen den verschiedenen Nationalstaaten gibt es inzwischen eine Reihe von Kooperationen, was die Ermittlungen betrifft, auch in der Grenzkontrolle werden MitarbeiterInnen geschult. 2004 ist es in Österreich zu 238 Anzeigen im Bereich Frauenhandel gekommen.

Psycho-soziale Prozessbegleitung ab 2006

Justizministerin Gastinger verwies auf den gesetzlichen Rahmen, der Prostitution mit Mädchen unter 18 Jahren verbietet und auf die psycho-soziale Prozessbegleitung, die ab Jänner 2006 verpflichtend für Opfer von Gewalt angeboten werden muss. Für Zeuginnen gibt es außerdem die Möglichkeit der kontradiktorischen Einvernahme, d.h. die Frauen können ihre Aussage auf Video aufnehmen, was die direkte Konfrontation mit den Tätern vor Gericht verhindert und ihre Aussage unabhängig vom Prozesstermin macht.

Evelyn Probst von Lefö, der einzigen Beratungsstelle für Betroffene von Frauenhandel in Österreich, kritisierte, dass identifizierten Opfern nicht automatisch ein Aufenthalt aus humanitären Gründen gewährt wird. Dieser sei in der Praxis mit der Forderung an die Frau geknüpft, im Prozess gegen ihre Peiniger auszusagen. Gleichzeitig gäbe es zuwenig Sicherheitsvorkehrungen für die Frauen - bereits in Österreich, aber noch viel weniger in den Herkunftsländern, in der die meisten Frauen früher oder später zurückkehren – entweder freiwillig, oder weil ihr Aufenthalt ausläuft.

Nationale KoordinatorIn

Auf die Anregung Konrads, eine/n nationale/n KoordinatorIn in Sachen Frauenhandel zu installieren, reagierten die Anwesenden durchwegs positiv. Allerdings müsse noch geprüft werden, welches Ressort die zusätzlichen Mittel für eine solche Stelle aufbringt, relativierte Gastinger.

Zum Ausgangsthema der Diskussion - die sogenannte "Frauenhändlerring-Affäre" in Wien - kam man am Schluss der Runde noch einmal zurück. Moderatorin Barbara van Melle stellte die Idee eines "Fair trade"-Siegels in Sachen Sexarbeit in den Raum, das an das Gewissen der Freier in Österreich appellieren könnte, ausbeuterische Verhältnisse in der Prostitution nicht mitzutragen. Lefö und Bundeskriminalamt bemerkten darauf, dass Freier durchaus für betroffene Frauen Partei ergreifen würden und sie beispielsweise an Beratungsstellen weiterleiten, wenn sie den Eindruck haben, "dass etwas mit den Frauen nicht stimmt". In diesem Sinn war auch der somit erwiesene Abschlusssatz von Moderatorin van Melle zu verstehen: "Es gibt also Männer, die reflexionsfähig sind." (freu)

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    Nicht zuletzt ein wirksames Mittel gegen sexuelle Ausbeutung: die Rechte von SexarbeiterInnen stärken, anstatt lediglich die Interessen der Freier zu wahren.
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