OÖ: Eltern pfeifen auf die Krabbelstuben

27. Dezember 2005, 09:10
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Trotz lückenhafter Versorgung sind die Eltern laut Umfrage zufrieden, sehen sie doch selbst nach dem Nachwuchs

Linz - Mit diesem eindeutigen Ergebnis hatte niemand gerechnet: Neun von zehn Familien sind in Oberösterreich mit den Öffnungszeiten von Krabbelstuben und Kindergärten zufrieden. Mehr als die Hälfte der Befragten meint, dass Beruf und Familie sehr gut vereinbar seien.

Erst Ende November hatte die Arbeiterkammer ihren jährlichen Kinderbetreuungsatlas für das Bundesland herausgegeben, in dem eine alles andere als zufrieden stellende Betreuungssituation abgebildet ist. Auf einem Drittel der Landkarte befinden sich weiße Flecken, was bedeutet, dass es dort weder Krabbelstube noch Ganztageskindergarten noch Schülerhort gibt. Nur in 90 der 445 oberösterreichischen Gemeinden ist dieses komplette Betreuungsangebot vorhanden.

Um die Meinung der Eltern zu erfahren, hat das Land Oberösterreich eine bisher einzigartige Umfrage gestartet. In Zusammenarbeit mit dem Amt für Statistik hat Jugendlandesrat Viktor Sigl (ÖVP) 160.000 Fragebögen an Eltern mit Kindern bis zu zehn Jahren verschickt. Mehr als die Hälfte hat geantwortet. Dienstag präsentierte die schwarz-grüne Regierungskoalition die Auswertung - nicht nur die hohe Zufriedenheit mit den Öffnungszeiten erstaunte.

"Eltern wollen unter Dreijährige zu Hause betreuen." Zumindest zwei Drittel (der Mütter) meinten, lieber selbst beim Nachwuchs bleiben zu wollen, ein Drittel gibt ihn zur Betreuung stundenweise außer Haus. Als Hauptgrund (70 Prozent), warum Krabbelstube oder Tagemutter nicht infrage kommen, nannten die Eltern, ihr Kind sei noch zu klein, um von zu Hause weggegeben zu werden.

Es fehlen Plätze

Für die grüne Familiensprecherin Maria Wageneder sind diese Umfragewerte jedoch kein Grund, den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen nicht weiter zu forcieren. Denn auch Folgendes zeigt die Elternbefragung: Es gibt einen Sofortbedarf von rund 1000 Krippenplätzen in Oberösterreich. Derzeit betrage laut Wageneder der Deckungsgrad an Betreuungsplätzen für die Kleinsten gerade einmal drei Prozent. Werde um jene 1000 Plätze aufgestockt, steige der Deckungsgrad gerade einmal auf sechs Prozent.

Auch bei den Hortplätzen für Volksschüler wollen vor allem die Grünen für eine Verbesserung sorgen. Zwar gaben acht von zehn Familien an, auch noch die Sechs- bis Zehnjährigen gerne zu Hause zu betreuen. Doch scheinen hier eher finanzielle Gründe den Ausschlag zu geben. Bei einer Monatsgebühr von 70 Euro würden 2600 Eltern ihr Kind sofort in einen Hort geben. Wäre die Nachmittagsbetreuung gratis, sogar 7800.

Geschönte Studie

Alles andere als zufrieden stellend ist für SPÖ-Soziallandesrat Josef Ackerl die Betreuungssituation in Oberösterreich. Bei der Präsentation der Elternbefragung handle es sich um "Schönfärberei". So hält er der Regierungskoalition vor: "Sieben von zehn Familien mit Kindern unter drei Jahren und jede zweite Familie mit Kindergartenkindern haben an der Umfrage gar nicht teilgenommen." Die Aussagekraft der Erhebung stellt er deshalb infrage. (Kerstin Scheller, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Dezember 2005)

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