"Traumberufe"-Raten (II)

10. März 2006, 17:25
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Ein Frühpensionsverhalten wie bei Beamten, Bauern, Arbeitern und Angestellten gibt es im "Traumberuf" nicht - Kolumne von Bernd Marin

Teil 1 war vielleicht allzu schwierig: Er zeigte einen hochattraktiven Beruf - zumal hier die praktikable Utopie individueller Wahlarbeitszeit weit gehend realisiert ist.

Eindrucksvoll nicht nur die perfekte Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch freie Zeiteinteilung, sondern auch die rasche Integration von Wiedereinsteigerinnen nach Mutterschutz/Karenz: Während insgesamt 62 % bis 2,5 Jahre nach der Kindesgeburt keinen Wiedereinstieg schafften, war die Drop-out-Rate im "Traumberuf" 2000-04 bloße 1,9 % (!); zuletzt kamen 90 % sofort, weitere 6 % innerhalb eines Jahres in den Beruf zurück. Dass 89 % der sofortigen Wiedereinsteigerinnen freiwillig Teilzeit wählen und das Ausmaß selbst bestimmen können, ist entscheidend für die Erfolgsbilanz - und könnte Unternehmen anderer Wirtschaftszweige Vorbild sein.

Das hat Voraussetzungen. Etwa, dass die Arbeit ständige Wissenserneuerung, flexiblen Einsatz, selbstverständlich auch Nachtdienste und 365 Tage Dauerbereitschaft im Jahr verlangt: mehr als 1/3 der Betriebe (aber nur 3 % der Arbeitnehmer/innen!) sind jede Nacht, alle Wochenenden und Feiertage als Nahversorger für uns da; mit zwischen den Betrieben gestaffeltem Turnus. Nachtarbeitszuschläge bis 143 Euro versüßen diese Härten etwa zweimal monatlich.

Die Fortbildungsangebote der Kammer scheinen ebenso wie die Fortbildungsbereitschaft der Mitarbeiter/innen vorbildlich. Und wo Weiterbildung - "vom Magisterium bis zur Bahre Seminare, Seminare" - gelebt wird, braucht sich keine um ihre Employability zu sorgen.

Denn auch von der Arbeitsmarktsituation können andere Berufe nur träumen: Obzwar auch die Gesamtwirtschaft ständig neue Beschäftigungsrekorde vermeldet, geht das dort mit steigenden Arbeitslosenzahlen einher. Statt 20 Bewerber/innen pro offener Stelle gab es im "Traumberuf" 2000-04 umgekehrt mehr offene Stellen als Stellenlose (!) - Vollbeschäftigung inmitten von Rekordarbeitslosigkeit.

Altersunabhängige Jobsicherung wird auch durch eine solidaristische Gehaltskasse, ein Sozialinstitut auf Umlagebasis verwirklicht. Brancheninterner Ausgleich macht ältere Mitarbeiter für Betriebe nicht teurer als jüngere, nimmt Druck von Firmen und Angestellten. Aber auch anderswo ist weniger die Arbeitslosigkeit als die Erwerbslosigkeit bzw. Frühpension das Hauptproblem Erwerbsfähiger mittleren Alters (55-64): bei Frauen sind hier zu Lande 81 % inaktiv, nur 0,9 % arbeitslos.

Ein Frühpensionsverhalten wie bei Beamten, Bauern, Arbeitern und Angestellten gibt es im "Traumberuf" nicht: Da sind Männer und Frauen, Selbstständige und Angestellte mit zuletzt 60,4 bis 68,8 Jahren durchschnittlichem Pensionsantrittsalter um 2,2 bis 8,9 Jahre über dem Pensionsalter anderer Erwerbstätiger. 26 % der Selbstständigen sind von 60 bis 75 noch aktiv, während in Österreich kaum 9 % auch nur bis zum regulären Erwerbsalter 65 arbeiten.

Auch die Einkommenssituation ist sehr komfortabel: Das durchschnittliche Jahresnettoeinkommen liegt deutlich über dem obersten Zehntel aller "Unselbstständigen", 85 % der Angestellten verdienen weniger als angestellte männliche und 95 % weniger als weibliche angestellte Traumberuflerinnen; bei den Selbstständigen (noch ohne Betriebsgewinne) dürften nur 5 bis 6 % der Männer und kaum über 1 % der Frauen anderswo mehr verdienen. Selbst als bloßes Zusatzverdienst von Ärzten entspricht es etwa einem mittleren Gehalt unselbstständig Beschäftigter und reicht bis über die Höchstbeitragsgrundlage.

Und wo, liebes Christkind, geht's hier zur nächsten . . . Apotheke? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.12.2005)

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