Die Provinzposse

22. Dezember 2005, 09:20
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Der Grazer Bürgermeister hat keinen Konter gewagt, obwohl er dazu genügend Gründe hätte - Kommentar von Chefredakteur Gerfried Sperl

Der Internet-User "scrull" hat Recht: Arnold Schwarzenegger hat den Nag(e)l auf den Kopf getroffen. In einem harten und trotzdem elegant verfassten Brief an den Grazer Bürgermeister hat der Gouverneur von Kalifornien der steirischen Landeshauptstadt die Verwendung seines Namens verboten, den Ehrenring der Post übergeben und trotzdem heimatliche Besuche angekündigt. Wann immer die stattfinden sollen.

Siegfried Nagl jedenfalls ist postwendend in die Knie gegangen und hat sich dem Terminator unterworfen. Der ÖVP-Politiker hat keinen Konter gewagt, obwohl er dazu genügend Gründe hätte. Graz hat sich selbst zur "Stadt der Menschenrechte" erklärt, was auch Schwarzenegger würdigen müsste. Außerdem hätte Nagl der weit verbreiteten Meinung entgegentreten können, Schwarzenegger habe ja nur nach der kalifornischen Rechtslage gehandelt. Er hätte den Todeskandidaten begnadigen können, wie es vor ihm auch schon der spätere US-Präsident Ronald Reagan einmal tat.

Und: Nagl hätte den Landsmann auffordern können, wann immer es dessen Terminplan erlaubt, für eine Diskussion nach Graz zu kommen. In die Heimat des nach wie vor österreichischen Staatsbürgers.

Wofür sich die Debatte um die Todesstrafe nicht eignet: für politische Kalkulationen und erfundene Rücksichten. Weshalb die Attacke Nagls gegen "die Linke", deren Ruf nach der Umbenennung eines Stadions sei eine "Provinzposse", in Wirklichkeit nach hinten losgeht.

Die "Provinzposse" spielt sich im Amt des Bürgermeisters ab. Der Hauptdarsteller ist Nagl selbst, weil er die Kritik mit dem Kuschen vertauscht hat und den Untertanen spielt. Die steirischen Zeitungen assistieren, indem sie wieder einmal den Unterschied zwischen humanistischer Rhetorik und Auflagentaktik demonstrieren. (DER STANDARD - Printausgabe, 21. Dezember 2005)

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