Arnold und die sieben Zwerge

22. Dezember 2005, 09:21
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Wie aus einer Provinzposse ein Trauerspiel wurde

Und warum man kein Anhänger der Todesstrafe sein muss, um die Empörungsrhetorik vieler Schwarzenegger-Kritiker abstoßend zu finden.

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Noch vor zwei Tagen fürchteten einige österreichische Freunde von Arnold Schwarzenegger, dass es sich bei den Ereignissen rund um eine mögliche Umbenennung des Stadions um eine Provinzposse handeln könnte. Dies hat sich nun nicht bewahrheitet, denn die Dimension geht weit über Graz, die Steiermark und Österreich hinaus. Schwarzenegger, der Gouverneur eines der mächtigsten Bundesstaaten der USA, will mit Österreich, der Steiermark und speziell Graz nichts mehr zu tun haben.

Was das bedeutet, wird die zweitgrößte Stadt Österreichs erst in Zukunft so richtig begreifen. Denn eines ist klar, von Südafrika bis zum Nordkap - Graz und Österreich waren spätestens dann ein Begriff, wenn man den Namen Schwarzenegger hinzufügte.

Das Argument, dass eine Umbenennung des Stadions zugunsten eines zahlenden Sponsors mehr Geld einbrächte, ist eine betriebswirtschaftliche Milchmädchenrechnung, die am Teller- bzw. Stadionrand endet. Dieser ökonomische Käsemadenhorizont, dem jegliche translaterale Sichtweise fehlt, wird sich noch finanziell rächen. Graz hat mit Arnold einen unbezahlbaren Promotor verloren, der es sich nun wahrscheinlich überlegen wird, mit seinen kalifornischen Wirtschaftsbossen zwecks Anbahnung von Geschäften nach Österreich zu kommen. Andere Mütter haben auch schöne Töchter.

Bizarre Debatte

Das Argument mancher Schwarzenegger-Kritiker, dass man auch seiner Gesinnung treu bleiben müsse, nämlich gegen die Todesstrafe zu sein, auch wenn es ökonomisch kontraproduktiv sei, ist selbstverständlich richtig. Ich kann aber vehement gegen die Todesstrafe sein und trotzdem versuchen, mit Arnold im Gespräch zu bleiben.

Aber wenn von Schwarzenegger die Rede ist, ist auch immer eine Portion Irrationalismus und viel S. Freud im Spiel. Drei Kategorien von Schwarzenegger-Kritikern konnte man in den letzten Wochen ausmachen.

Erstens jene Menschenrechtsbewegten, die aus ehrlicher Abscheu gegen die Todesstrafe ihr Wort gegen Schwarzenegger erhoben, so wie sie auch bei allen anderen Gelegenheiten aktiv gegen jede Menschenrechtsverletzung auftreten. Diese zugegebenermaßen nur sehr kleine Gruppe verdient höchsten Respekt. Anders steht es aber mit der zweiten Gruppe. Diese ist zahlenmäßig die stärkste und trat auch in der jüngsten Schwarzenegger-Debatte am lautesten in Erscheinung. Teilweise mit Schaum vor dem Mund stürzte sie sich in eine Betroffenheits- und Empörungsrhetorik, stolperte von einer geistigen Lichterkette für den Vierfach-Mörder Williams in die andere und stilisierte sich selbst zu Schützern der Menschenrechte.

Auch eine dritte Spezies von Schwarzenegger-Gegnern kann man leicht erkennen. Das sind jene gar nicht so wenigen, die ihren fanatischen Antiamerikanismus, der nicht selten ein versteckter Antijudaismus ist, in Form einer Symbolfigur ausleben. So nach dem Motto: "Schlag den Sack und mein den Esel."

So erstaunlich die Intensität der Euphorie war, als Schwarzenegger Gouverneur wurde, so deutlich tritt nun die Umkehrfigur, das Mach'sche Buch sozusagen, in Erscheinung. In einer kindlichen Unfähigkeit zur Abstraktion setzen viele die schwachsinnige Figur des ihnen bekannten Terminators mit dem ihnen unbekannten Menschen Arnold Schwarzenegger gleich. Freud beschrieb dieses Phänomen ausführlich.

Auch wenn es viele nicht hören wollen, Schwarzenegger ist ein besonnener, hoch sozial eingestellter, fürsorglicher und zur Reflexion fähiger Mensch. Er hat aus innerem Antrieb sehr viel für sozial schwache und kriminalanfällige Jugendliche getan, sich für Behinderte eingesetzt und Simon Wiesenthal sein Leben lang verehrt und unterstützt.

Wie bizarr die Diskussion der letzten Wochen abgelaufen ist, zeigt allein die Tatsache, dass es nun den Vorschlag gibt, das Schwarzenegger-Stadion nach dem Mörder Williams zu benennen. Auch die gut gemeinte Idee, die Sportstätte nach dem bis 1938 in Graz existierenden Sportverein Hakoah zu nennen, entbehrt nicht eines gewissen Sarkasmus. Der Großvater des Autors dieser Zeilen, ein ehemaliger Hakoah-Fußballspieler würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, würde er hören, dass man die jüdischen Sportler zuerst ausrottete oder vertrieb, aber dann als Namensgeber-Notnagel wieder exhumieren möchte.

Apropos Namensänderung: Warum stehen jene, die Schwarzenegger einen Mörder schimpfen, nicht vor den arabischen Botschaften jener Länder, wo Frauen für vermeintliche Vergehen ausgepeitscht, gesteinigt und gepeinigt werden? Warum stehen jene Schwarzenegger-Kritiker nicht vor der chinesischen oder türkischen Botschaft, um gegen die Menschenrechtsverletzungen zu demonstrieren? Warum stehen sie nicht zumindest in der Grazer Kernstockgasse und montieren die Straßenschilder ab, die an jenen Mann erinnern, der mit seinem Hakenkreuzlied einer der großen ideologischen Vorbereiter des Nationalsozialismus war und offen zum Völkermord aufrief? (DER STANDARD - Printausgabe, 21. Dezember 2005)

Von Albert Kaufmann

Der Autor ist Vorsitzender der sozialdemokratischen Freiheitskämpfer Steiermark und ein langjähriger Freund Arnold Schwarzeneggers.
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    Umbenennungsaktivismus in Graz-Liebenau zwischen "ökonomischem Käsemadenhorizont" und "geistiger Lichterkette": Schlag den Sack und mein den Esel?

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