Grüne wollen Koalition der Sieger

21. Dezember 2005, 09:27
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Petrovic zu Molterer: "Darauf achten, nicht die Verlierer zu stärken"

Wien - "Pater Willi" heißt Wilhelm Molterer aufgrund seiner sanften, aber beharrlichen Gesprächsführung seit den letzten Koalitionsverhandlungen bei den Grünen. Ein durchaus nett gemeinter Spitzname, den aber momentan niemand verwenden will.

Denn der ÖVP-Klubobmann hat die Grünen am Montag im STANDARD-Interview als möglichen Koalitionspartner ausgeschlossen und ihnen dafür rot-grüne Koalitionsabsichten unterstellt. Etwas, das die Grünen nicht auf sich sitzen lassen wollen.

Die grüne Vizechefin Madeleine Petrovic reagiert darauf mit Sarkasmus: "Ich rate Herrn Molterer, in sich zu gehen. Es ist schon bemerkenswert, welche Sorgen er sich laufend um die Grünen macht. Ich gebe ihm den freundschaftlichen Rat, sich um seine eigene Partei zu kümmern."

Dass vor allem die Wiener Gruppe Bundessprecher Alexander Van der Bellen desavouiert haben soll, wie Molterer meint, will auch die grüne Rathaus-Klubchefin Maria Vassilakou nicht hinnehmen. "Das ist absurd", ärgert sie sich im Gespräch mit dem STANDARD: "Van der Bellen sitzt so fest im Sattel wie eh und je." Im Unterschied zur ÖVP gebe es bei den Grünen keine Maulkorberlässe: "Wir haben eine Kultur, in der abweichende Meinungen zum Ausdruck gebracht werden können. Und das ist gut so."

Molterers Vorwurf, die Grünen seien nur an einer linken Koalition interessiert, sieht Petrovic als rein wahltaktisches Manöver. "Molterer versucht wieder einmal, die Angst vor Rot-Grün zu schüren, das fällt unter Wahlkampfvorbereitung", ärgert sich Petrovic.

Koalitionskriterien

Auf Rot-Grün oder Rot-Schwarz will sie sich zwar nicht festlegen, abgesehen von den üblichen Kriterien wie "Mit wem kann man mehr an grünen Inhalten umsetzen?" nennt sie aber noch einen wichtigen Aspekt für Koalitionsgespräche: Für die Grünen wäre es leichter, mit der siegreichen Großpartei zusammenzugehen. Petrovic: "Es spricht mehr dafür, mit Siegerinnen und Siegern zu reden. In Niederösterreich haben wir auf Gemeindeebene etwa sechs Koalitionen, dreimal mit der SPÖ, dreimal mit der ÖVP. Wir haben dabei auch darauf geachtet, nicht die Verlierer zu stärken."

Für Vassilakou sind Molterers Angriffe nur Ablenkung dafür, dass Schwarz-Rot bereits ausgemacht ist: "Seine Aussagen bestätigen einmal mehr, dass alle Zeichen in Richtung große Koalition stehen. Wenn das Moltofon nicht reicht, kommt ein Capofon dazu." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2005)

von Peter Mayr und Barbara Tóth
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