"Alles ist erleuchtet": Die Geschichtstour zum eigenen Ich

20. Dezember 2005, 18:09
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Jonathan Safran Foers Roman "Alles ist erleuch­tet" wurde für die Lein­wand adaptiert - Regi­sseur Liev Schreiber im STANDARD-Gespräch

Ein burleskes Roadmovie, das von der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit erzählt. Ein Gespräch mit Liev Schreiber über Erinnerung und Identitätskrisen.

Wien – Der junge Mann wirkt ein wenig wie aus einer anderen Welt. Sein schwarzer Anzug ist um ein paar Nummern zu klein. Der exakt gezogene Seitenscheitel und die dicken Brillengläser betonen seinen stoisch ungerührten Blick auf die Welt. Wann immer Jonathan Safran Foer ein Objekt findet, das in Zusammenhang zu seinem Leben steht, wird es in einem kleinen Plastiksack verwahrt. Er ist ein Sammler von Erinnerungsbehelfen: von Mementos, aus denen er seine Identität zusammensetzt.

Der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat sich in seinem gefeierten Romandebüt Alles ist erleuchtet ein Alter Ego geschaffen, das sich auf die Suche nach seinen jüdischen Wurzeln in die Ukraine begibt. Eine fiktive Verdopplung, die durch die Verfilmung des Buches nunmehr erweitert wurde: Herr der Ringe-Darsteller Elijah Wood verkörpert den Autor im Regiedebüt des US-Schauspielers Liev Schreiber, der sich mit dieser Literaturadaption eine durchaus heikle Aufgabe gestellt hat.

Im Roman greifen zwei Erzählstränge kunstvoll ineinander. Die Suche nach den Überresten des Schtetls Trachimbrod wird mit der wundersamen, zugleich erkennbar imaginierten Geschichte desselben zusammengeführt. Schreiber hat sich nur auf erstere Reise begeben und damit das Geschehen einigermaßen vereinfacht: zum anfangs sehr komischen Roadmovie, das sich allmählich immer mehr zum Drama einer Identitätsfindung erweitert.

"Die Geschichte des Schtetls Trachimbrod ließ ich aus zwei Gründen weg. Zum einen ist Alles ist erleuchtet ein Low-Budget-Film, zum anderen habe ich mir diese Umsetzung nicht wirklich zugetraut", berichtet der Neoregisseur bescheiden. "Ein episches Historiendrama, das sich über einen Zeitraum von vierhundert Jahren erstreckt, war mir einfach zu viel."

Liev Schreiber – sein Vorname spricht sich nach eigenem Bekunden wie die ukrainische Stadt aus: "Liev from Kiev" – hat allerdings eine sehr persönliche Verbindung zu Foers Roman. Einerseits stammt er selbst von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa ab, wichtiger war ihm noch der spezifische Umgang des Autors mit dem Topos Erinnerung: "Die Grundidee war für mich: Eine erdachte Vergangenheit sei genauso wertvoll wie eine solche, die akkurat vergegenwärtigt wird. Das war für mich auch die erste Prämisse, als ich am Film zu arbeiten begann."

Diese Annahme des Romans ist Schreiber auch des halb so wichtig, weil er unter einer ominösen Erinnerungsschwäche leidet. "Als mein Großvater 1993 starb, begann ich Ängste hinsichtlich meines Erinnerungsproblems zu entwickeln. Ich vergaß Dinge, die mir wichtig waren", erzählt Schreiber. "Wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch eine Collage aus Erinnerungen ist und diese erst seine Persönlichkeit ausmachen, dann kann das zu einer Identitätskrise führen."

Reise zu den Ahnen

Als Schauspieler hat der 1967 geborene Schreiber, der zuletzt in Jonathan Demmes Remake von The Manchurian Candidate zu sehen war, dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Die Identität eines anderen überzustreifen fällt ihm besonders leicht. Für die Filmfigur des Jonathan, der in der Ukraine gemeinsam mit dem Tour-Guide Alex (gespielt vom unlängst auch in Wien gastierenden Musiker Eugene Hütz) und dessen mürrischem Großvater durchs Land gondelt, wird erst die Entdeckung der Ahnengeschichte die eigene Persönlichkeit erhellen.

Dieser sehr subjektive Zugang Jonathans, in dem doch auch die Geschichte eines Kollektivs widerhallt, war für Schreiber besonders wichtig. Der burleske Tonfall seiner Inszenierung, der an osteuropäische Regisseure wie Emir Kusturica erinnert, vermittelt die Konfrontation mit einer bisher unbekannten Geschichte auch bewusst im Formalen.

"Ich bewundere an diesem Buch, dass es von einer derart jungen Person geschrieben ist. Es liefert einen neuen Blick auf den Holocaust. Es geht um einen nostalgischen jungen Mann mit sehr persönlichen Gründen dafür, nostalgisch zu sein. Eine starke Idee, vor allem in den USA, wo es bezüglich der Geschichte nur eine kurze Erinnerung gibt. Amerika ist eine Nation der Enkelkinder. Foer fragt danach, was es kostet, die eigene Vergangenheit zu verlieren." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2005)

Von Dominik Kamalzadeh

"Alles ist erleuchtet" derzeit im Kino
  • Der Tourguide, der Hund und der Schriftsteller aus Übersee: Eugene Hütz (li.) und Elijah Wood in Liev Schreibers Verfilmung des Jonathan- 
Safran-Foer- 
Romans "Alles ist erleuchtet".
    foto: warner

    Der Tourguide, der Hund und der Schriftsteller aus Übersee: Eugene Hütz (li.) und Elijah Wood in Liev Schreibers Verfilmung des Jonathan- Safran-Foer- Romans "Alles ist erleuchtet".

  • US-Regiedebütant Liev Schreiber: "Diesen Film zu machen war ein Akt der Erinnerung."
    foto: warner

    US-Regiedebütant Liev Schreiber: "Diesen Film zu machen war ein Akt der Erinnerung."

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