Das Weihnachtswunder

22. Dezember 2005, 19:03
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... weil die Welt manchmal doch besser ist als ihr Ruf

Es war heute. Da hat W. gemailt. Und unbewusst den Auftakt zu einem versöhnlichen, besinnlichen und hoffnungsfrohen Adventendspurt gegeben. Weil die Welt ja nicht immer nur schlecht und missmutig ist – und unsereiner zwar über Jahre gelernt hat, sich auf das Eintreffen aller in Murphys Gesetzeskodex definierter Unbill einzustellen, es aber dann eben doch anderes kommen kann.

Und auch wenn er den Glauben an Christkind wohl nie wieder zurückgewinnen wird, weiß W. nun, dass ein paar andere Dinge, die er bisher als Fabeln, Märchen oder Narretei abgetan hat, im echten leben doch möglich sind. Aber das soll er doch lieber selbst erzählen:

Mutters Kekse

Heute ist es mir das erste Mal passiert. Und zwar ganz persönlich. Leider war ich nicht da.

Meine Mama hat ihrem Bub wie jedes Jahr zu Nikolaus oder knapp vor Weihnachten ein Paket von Tirol nach Wien geschickt, das, gefüllt mit selbstgebackenen Keksen, ein wenig Freude bringen soll.

In den vergangenen 15 Jahren habe ich dabei schon sehr viel erlebt - vollkommen zerstörte und aufgebrochene und im zentralen Postamt am Südbahnhof statt im Postamt ums Eck hinterlegte und auch verloren gegangene Pakete.

Ungeschriebene Gesetze

Zwei Dinge trafen freilich immer mit Sicherheit und ohne Variation ein: 1. Die Kekse sind zerbröselt - genauer gesagt alle Kekse die mir schmecken oder noch genauer alle außer den Kokoskipferln. Egal wie sorgfältig verpackt - leckere mürbe Vanillekipferln oder feine und ebenfalls sehr mürbe und mit selbstgemachter Preiselbeermarmelade bestrichene Kekse konnte ich nur mehr mit dem Löffel genießen.

2. Ich muss das Paket vom Postamt abholen. Zur Zeit des Studiums (wo ich genau weiß, dass ich zu Hause war) wie seit meiner Zeit als arbeitender Bürger. Jedesmal finde ich den Zettel, der mir sagt, dass ich nicht anzutreffen wäre und daher ins nächste Postamt - oder zum Südbahnhof - gehen müsse. Darüber ist schon genug gelästert worden also lass ich das.

Zusteller 158

Heute habe ich im Briefkasten den erwarteten Bescheid gefunden - Mama hat mich vorgewarnt, es war also keine Überraschung. Und dann bin ich vor meiner Wohnungstür angekommen und hab das Pickerl gesehen. Der Paketzusteller Nr. 158 war da, um 10:30 persönlich vor meiner Tür; im 3. Stock Altbau; ohne Lift. Und ich war nicht da und hab ihm nicht geöffnet.

Das tut mir am meisten leid, dass ich ihn enttäuscht habe. Vielleicht hat er das weihnachtliche Päckchen gesehen und ist nach kurzem Ringen mit sich selbst die drei Stockwerke raufgegangen. Hat ganz außer Atem bei mir geklopft und geläutet und ich habe ihm nicht geöffnet. Er musste dann den Hinweis an meiner Tür anbringen und wird sich geschworen haben, das nie wieder zu tun.

Und vielleicht wären die Kekse dieses Jahr sogar heil angekommen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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