Springer will Beteiligungen mit Bertelsmann entflechten

4. Jänner 2006, 13:54
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Verlagsgruppe zu Zugeständnissen an Bundeskartellamt bereit

Der Axel Springer Verlag hat dem deutschen Bundeskartellamt im Konflikt um die Übernahme von ProSiebenSat.1 Verlagskreisen zufolge Zugeständnisse gemacht. Springer habe angeboten, sich von allen Beteiligungen zu trennen, an denen auch der Medienkonzern Bertelsmann Anteile hält, sagte eine Person aus dem Verlagsumfeld am Dienstag. Mit einer Entflechtung der Überkreuzbeteiligungen wolle Springer die Bedenken der Wettbewerbsbehörde hinsichtlich des TV-Werbemarktes ausräumen.

Zur Disposition stehen damit unter anderem das gemeinschaftliche Tiefdruckunternehmen Prinovis, verschiedene Radiobeteiligungen wie etwa an Antenne Bayern oder Radio Hamburg sowie Presse-Grosso-Beteiligungen. Springer wollte sich dazu nicht äußern. In mehreren Zeitungsberichten war bereits über weitere Zugeständnisse der Verlagsgruppe spekuliert worden.

"Wettbewerbsloses Duopol"

Die Kartellbehörde hatte argumentiert, die Sender von ProSiebenSat.1 und die zu Bertelsmann gehörende Sendergruppe RTL teilten schon jetzt den TV-Werbemarkt mit einem Anteil von 80 Prozent weitgehend unter sich auf. Mit der Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Springer käme es zu weiteren Verflechtungen, die dieses "wettbewerbslose Duopol" zementierten. Beide Unternehmen verneinen ein bestehendes Duopol am Fernsehwerbemarkt.

Experten zufolge schwieriger auszuräumen sind die Bedenken des Bundeskartellamts hinsichtlich medienübergreifender, so genannter crossmedialer Vermarktungsmöglichkeiten durch eine Verbindung der auflagenstarken "Bild"-Zeitung von Springer mit der Sendergruppe ProSiebenSat.1. Erstmals nimmt das Kartellamt in diesem Fall solche Vermarktungsmöglichkeiten unter die Lupe.

Die Kartellwächter argumentieren, dass Deutschlands größte Boulevardzeitung mit einer verkauften Auflage von 3,8 Mio. Exemplaren den Markt für Straßenverkaufszeitungen zu 80 Prozent beherrsche. Diese Macht könnte durch werbliche und redaktionelle Unterstützung der ProSiebenSat.1-Sendergruppe verstärkt werden.

TV-Beirat

Um diese Bedenken der Wettbewerbshüter auszuräumen, wird Springer möglicherweise einem von der Medienaufsicht KEK vorgeschlagenen TV-Beirat zustimmen, der die volle Programmkontrolle erhält. Die Verhandlungen mit der KEK über einen TV-Beirat brachten das Kartellamt dazu, seine ablehnende Haltung zur Übernahme zu überdenken. Das Amt prüft nun bis zum 20. Jänner, ob die Verhandlungen von Springer mit der KEK auch für die eigene Entscheidung relevant sind.

Zügige Entscheidung

Allerdings stünden die Details der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) zur konkreten Ausgestaltung dieses Beirats und somit die Entscheidung von Springer noch aus, sagte eine Springer-Sprecherin. Mit Nachrichten der KEK rechnet sie noch für die laufende Woche. Dann werde Springer zügig entscheiden. Ein TV-Beirat habe nach Auffassung von Springer kartellrechtliche Relevanz, wenn er mit einer Senderlizenz verbunden und damit in einem festen Rechtsrahmen eingebunden sei, erläuterte die Sprecherin.

Ähnlich wie für den Markt für Straßenverkaufszeitungen argumentiert das Kartellamt auch für den Anzeigenmarkt. Auch hier sieht die Behörde eine durch die Verbindung von TV-Sendern mit der "Bild"-Zeitung entstehende Marktmacht. Allerdings ist diese Argumentation in der Branche umstritten. (APA/Reuters)

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