Vielfalt trifft Leichtigkeit

27. Dezember 2005, 13:18
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Cerha-Uraufführung im Konzerthaus

Wien - Schwer zu sagen, ob musikalische Werke weise schmunzeln können. Im Wiener Konzerthaus, als Friedrich Cerhas Violinkonzert mit einer kleinen, lapidaren Schlusspointe in Form einer aufsteigenden Floskel elegant quasi gen Himmel entschwebte, wollte man es jedenfalls schon glauben - und dachte, mit diesem überraschenden Finale des neuen Werkes gleichsam ein Pendant zu Verdis Falstaff und den Opernworten "Alles ist Spaß auf Erden!" gehört zu haben.

Wenngleich hernach die Anzahl der aufgehellten Besuchermienen die bei Uraufführungen übliche Menge bei Weitem übertraf, wäre es ungerecht verkürzend, das neue Opus von Cerha, der am 17. Februar 2006 seinen 80. Geburtstag feiert, auf das Element des Heiteren zu reduzieren. Zu viele Ausdrucksfacetten sind hier eingeflossen, als dass man mit einer eindimensionalen Deutung auskäme.

Da taucht man ins rhapsodische 19. Jahrhundert ein, hört sublime Linien, Elegisch-Verspieltes, nimmt Kontraste zwischen solo agierender und im Kollektiv verschwindend eintauchender Violine wahr. Die Lyrik ist bisweilen von abstrakter Schönheit; der Orchesterpart auch von schroffer Extrovertiertheit, die bisweilen zu überraschenden Interventionen genutzt werden. Im Nachtstück allerdings ist auch atmosphärisch starke Ausbreitung von Klang zu hören - bis dann im Schlussteil das Schummrige mit dem Drängenden in einen Dialog tritt und die Violine zum Beginn zurückkehrt und eine großzügig und sich flink über alle Lagen des Instrumentes ausbreitende Linie noch einmal aufgreift.

Sehr üppig

Ein kompaktes, ein straffes und elegantes Werk - bei Geiger Ernst Kovacic und dem Radiosymphonieorchester Wien unter der Leitung von Bertrand de Billy in guten Händen. Vielleicht nur Geschmackssache: Es schien das Ausstatten der dramatischen Werk-Höhepunkte durch üppig eingesetztes Schlagwerk nicht wirklich zwingend notwendig zu sein, das brachte winzige Momente des Überladenen hervor.

Vielleicht auch nur Geschmackssache: Wirkten Arnold Schönbergs delikat umgesetzte Fünf Orchesterstücke op. 16 als adäquate Einstimmung auf das Violinkonzert, so mutete Beethovens Eroica in diesem Kontext ein wenig zu vereinnahmend an.

In jedem Fall konnte man an ihr die gute Form ablesen, in der sich das RSO Wien befindet - die kontinuierliche Arbeit von Bertrand de Billy hinterlässt ihre substanzvollen Spuren. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.12.2005)

Von Ljubisa Tosic
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