Früher Abstieg in das soziale Abseits

6. Juni 2006, 11:12
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Drogen, fehlende soziale Netze oder Probleme in der Familie sind Ursachen dafür, dass junge Menschen auf der Straße leben

Bei Minusgraden und eisigem Wind halten eine Reihe von hungrigen Menschen ihre Hände für die erste warme Mahlzeit des Tages auf. Es ist Freitag, 21.30 Uhr. Wie jeden Tag seit 15 Jahren macht der Canisibus der Wiener Caritas – nebst anderen Orten – auch an diesem Freitag am Westbahnhof Station. Abseits der vom weihnachtlichen Konsumwahn gepackten Mariahilfer Straße opfern vier ehrenamtliche Mitarbeiter ihre abendliche Freizeit für einen guten Zweck. Insgesamt kochen im Monat 50 Kollegen aller Altersgruppen freiwillig Suppe, um sie gleich danach auszuliefern.

Freude und Dankbarkeit

Im Vorjahr wurden laut Caritas 81.084 Menschen verköstigt, davon waren 2.285 minderjährig. "Es bereitet mir Freude, die Dankbarkeit der Hungrigen zu spüren", erzählt uns Hubert (26). Seit eineinhalb Jahren kocht er jeden Freitag im Jugendhaus der Caritas (Juca), welches er durch seinen viermonatigen Aufenthalt in Erinnerung hat. Wohnungslose zwischen 18 und 30 Jahren finden hier ein Dach über dem Kopf. Zusätzlich zu einer Notschlafstelle mit elf Betten, ist für eine Miete von 5,50 Euro Platz für 16 Frauen und 50 Männer in Einzelzimmern.

Weihnachtsalmosen

"Bei Frauen handelt es sich oft um versteckte Obdachlosigkeit – viele gehen Zwangsbeziehungen ein", begründet Sozialarbeiterin Andrea Müller von der Juca dieses Verhältnis. Hubert findet es "schade, dass nur zu Weihnachten Menschen ihr Gewissen mit Almosen beruhigen und sonst kaum spenden".

Offiziell keine jugendlichen Obdachlosen

Rund 500 bis 700 Menschen leben laut dem Fonds Soziales Wien (FSW) in der Bundeshauptstadt auf der Straße. Davon sind zwölf bis 15 Prozent weiblich. In diesen Zahlen sind Minderjährige nicht inbegriffen: Denn vor dem Gesetz gibt es keine "jugendlichen Obdachlosen" – diese stehen offiziell unter dem Schutz des Jugendamts. Neben Miete und Meldezettel sind Gewalt-, Drogen und Alkoholverzicht Voraussetzung, um im Juca aufgenommen zu werden. Die Miete wird, zusätzlich zur Notstandshilfe, vom Sozialamt ausbezahlt. Die Betreuung ist hier verpflichtend. "Sie müssen bereit sein, ihre Lebenssituation zu ändern", bekräftigt Müller das Kriterium Perspektive. "Wir sind allerdings immer voll belegt", verrät sie dem SchülerStandard.

Ursachen für Jugendobdachlosigkeit

Oft genannte Gründe für Jugendobdachlosigkeit sind zerrüttete Familienverhältnisse, Schulden und Drogen. "Jugendliche machen sich immer öfter mit chemischen Drogen zu", weiß auch der Obdachlose Günther (37) – er ist seit vier Jahren Gast im Obdachlosen- Tageszentrum (Josi) des FSW in der Josefstädter Straße. Vor dem Eingang empfangen uns angetrunkene Männer. Im Josi selbst herrscht aber striktes Alkoholverbot. Die Stimmung ist gespannt. "Wegen eines Regelbruches haben wir ein "Wuzelverbot" verhängt", erzählt der Josi-Sozialarbeiter Alexander Minich. Auf die Frage nach Ursachen für die "Endstation Obdachlosigkeit", nennt uns Minich das "oft fehlende soziale Umfeld der Betroffenen". Das Wiener Sozialnetz hält er für "sehr gut" – Minich sieht die Probleme eher in der "abweisenden Haltung der Gesellschaft gegenüber Obdachlosen".

Günther hat sich entschlossen, aus "der Hierarchie der Gesellschaft" auszusteigen: "Dafür müssten wir Sandler eigentlich einen Orden überreicht bekommen." (DER STANDARD, Printausgabe, 20.12.2005)

Von Alexander Müller, Teresa Wirth und Nina Palmstorfer
  • Caritas Canisius Bus: Suppenverteilung an Obdachlose am Westbahnhof.
    foto: christian fischer photographie

    Caritas Canisius Bus: Suppenverteilung an Obdachlose am Westbahnhof.

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