Frankreichs Krise am Boulevard

27. Dezember 2005, 17:05
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Die Qualitätspresse steckt in der Krise, neuerdings schwächelt auch der Boulevard: "France Soir" verkauft von der einstigen Millionenauflage nur noch 50.000 Exemplare

Frankreichs Qualitätspresse steckt seit Jahren in der Krise, neuerdings schwächelt auch der Boulevard: "France Soir" verkauft von der einstigen Millionenauflage nur noch 50.000 Exemplare.

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Nachdem France Soir im Oktober Konkurs angemeldet hat, könnte bald die Liquidierung folgen. In ganzen Landesteilen wie Südfrankreich erscheint die Zeitung bereits nicht mehr. Nur etwa drei Dutzend Journalisten – offiziell fünfzig – arbeiten derzeit noch in einem baufälligen Backsteinhaus im Pariser Vorort Aubervilliers. Zu den besten Zeiten hatte France Soir 400 Redakteure beschäftigt.

Seit Jahren stecken die französischen Tageszeitungen in einer schweren Krise. Libéra^tion etwa schreibt voraussichtlich sieben Millionen Euro Verluste bei einer Auflage von 135.000 Exemplaren. Trotz der 20 Millionen Euro, die der neue Eigentümers Edouard de Rothschild zuschießt. Gegen beabsichtigte 52 Kündigungen streikten die Mitarbeiter erst im November fast eine Woche.

Wachsende Konkurrenz

Ähnliches ist auch beim Figaro zu beobachten. Die Verkaufszahlen gehen wie bei Le Monde zurück. Das renommierte Blatt kämpft auch nach der Übernahme durch den Rüstungsmagnaten Serge Dassault mit roten Zahlen. Beobachter sehen die Ursache des Übels neben wachsender Konkurrenz durch Internet, Gratisblätter und allgemeiner Leseunlust der Franzosen vor allem in französischer Überheblichkeit begründet.

Unmöglich sei es etwa, mit Chefredakteuren von Le Monde, Le Figaro oder Libération in Kontakt zu treten, schreibt ein Kritiker des Schweizer Corriere del Ticino: "Die französischen Tageszeitungen haben zwar schon immer in einem abgehobenen Ton geschrieben, haben sich aber letztendlich von der Realität entfernt." Über journalistischen Stil habe man nie nachgedacht: "Genau dafür sind sie von den Lesern bestraft worden."

"France Soir" zahlungsunfähig

Jetzt hat es auch die Boulevardpresse erwischt: Von durchschnittlich 1,5 Millionen in den 60er-Jahren sank die Auflage des 1944 gegründeten Blattes bis heute offiziell auf 67.000; in Wirklichkeit dürften es nur noch 50.000 sein. Ende Oktober musste sich France Soir als zahlungsfähig erklären. Der Insolvenzverwalter hat nun sechs Monate Zeit, Geld aufzutreiben, ansonsten muss er das Unternehmen liquidieren.

70 Prozent der Anteile über nahm 2004 der ägyptische Geschäftsmann Raymond Lakah. Aus Kairo wegen hoher Schulden nach Paris geflüchtet, schoss der lichtscheue Investor fünf Millionen Euro in das Boulevardblatt ein. In den letzten Tagen riefen zahlreiche Prominente – wie Filmstar Alain Delon, Modeschöpfer Pierre Cardin, Sängerin Mireille Mathieu oder Rennfahrer Alain Prost – zur Rettung von France Soir auf. Die Redaktion wendet sich in ihrer Not gar an Premierminister Dominique de Villepin: "Unser Schicksal liegt in ihren Händen." (prie, bra/DER STANDARD; Printausgabe, 20.12.2005)

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    Turbulente Zeiten für Frankreichs Tageszeitungen: Die "Libération"-Mitarbeiter protestierten im November mit einem fast einwöchigen Streik.

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