Porträt: Linker Revolutionär mit Sinn fürs Praktische

19. Dezember 2005, 17:52
posten

Evo Morales. Vom Minenarbeiter und Koka-Bauern zum bolivianischen Präsidenten

La Paz - Evo Morales präsentiert sich als Kämpfer für die ewig unterdrückte und ausgegrenzte Indigena-Mehrheit Boliviens. Ihre Frustrationen angesichts neoliberaler Experimente, die die Schere zwischen Arm und Reich nur noch weiter öffneten, fing er geschickt mit einem nationalistischen, antiamerikanischen und bisweilen auch rassistischen Diskurs auf.

Die Wiederverstaatlichung der reichen Erdgasreserven, Widerstand gegen den allseits beschworenen "US-Imperialismus" und die Umverteilung zu Gunsten der Armen schrieb er auf die blauen Fahnen seiner Bewegung zum Sozialismus (MAS). Die "Neoliberalen" will er mit einer "Ohrfeige" aus der Politik vertreiben und den "illegalen" Großgrundbesitz unter Kleinbauern verteilen. Der Anbau von Koka- Sträuchern, aus deren Blättern Kokain gewonnen wird, soll frei gegeben werden.

Pragmatismus

Die revolutionäre Rhetorik ist jedoch mit einem kräftigen Schuss Pragmatismus durchsetzt. Die Rohstoffe des Landes müssten wieder in Volkes Hand, aber mit den multinationalen Erdgaskonzernen müsse zusammengearbeitet werden. Die von US-Präsident George W. Bush betriebene amerikanische Freihandelszone lehnt er kategorisch ab, bot Washington aber einen konstruktiven Dialog an. Und beim Koka lautet die Devise: "Null-Kokain, aber nicht Null-Koka."

Morales kommt von unten und weiß, wovon er redet, wenn er sich über Armut äußert. Der frühere Minenarbeiter hat sich nach der Schließung der Betriebe als Eisverkäufer, Bäcker, Steinträger und Trompeter durchgeschlagen, bevor er Koka-Bauer wurde. Der zweite von drei Söhnen einer armen Arbeiterfamilie konnte nicht einmal seine Hauptschule beenden. Die Wahl zum ersten Indigena-Präsidenten in der Geschichte Boliviens könnte die Erfüllung eines Traumes seines Vaters sein, in dem sein Sohn bis zu den Wolken geflogen sei, erzählt Morales. "Du wirst Erfolg haben im Leben", habe ihm der Vater gesagt.

1981 trat der Mann mit dem verschmitzten Gesicht und dem buschigen schwarzen Haar einer Gewerkschaft bei. Für ihn habe zunächst nur gesprochen, dass er gut Fußball spielte. Sein Aufstieg war jedoch unaufhaltsam. 1994 wurde er Führer der Vereinigung der Koka-Bauern. Drei Jahre später wurde er erstmals ins Parlament gewählt und gründete 1999 die MAS-Bewegung. 2002 unterlag er bei der Präsidentenwahl dem konservativen Gonzalo Sánchez de Lozada nur knapp. (APA/dpa)

Share if you care.